Von Horst Hachmann

Der reisende Michel stand 1966 überall in hohem Ansehen. Er ist, nach dem Amerikaner, zum touristischen Weltbürger Nummer zwei geworden. Von Alaska bis Zentralafrika ist man voll des Lobes über ihn, der als großzügig gilt und tolerant. Er verteilte im zu Ende gehenden Jahr seine Gunst in Europa recht gleichmäßig. Im statistischen Zahlenspiegel steht zwar wiederum die rot-weiß-rote Nachbarrepublik Österreich an der Spitze, dicht gefolgt von Italien und Spanien. Die sozialistischen Länder haben nochmals Land gewonnen. Endgültige Zahlen liegen zwar noch nicht vor, doch nach ziemlich sicheren Vorausadditionen erholten sich etwa 550 000 Bundesrepublikaner an den jugoslawischen Adriastränden und weitere 400 000 suchten die Sonne in Bulgarien und Rumänien. Daß in diesem Jahr 47 von 100 Urlaubsreisenden ins Ausland fuhren (45 Prozent waren es 1965), paßt zwar nicht ins Konzept unserer Devisenpolitik, beweist aber andererseits, daß der Deutsche wieder selbstsicher und gewandt im Umgang mit unseren geographischen Nachbarn geworden ist. Dazu kommt, daß sich Michels Urlaubsbudget in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat, und zwar von 350 Mark im Jahre 1961 auf knapp 700 Mark in der letzten Saison. Und Geldmangel, so ermittelten die Demoskopen, ist nur noch in den alleruntersten Einkommensschichten ein Grund, die Ferien im heimischen Schrebergarten zu verleben. So konnte sich nur jeder vierte Rentner eine Fahrkarte in die Ferien leisten.

Endgültige Zahlen über den Reisesommer 1966 liegen natürlich noch nicht vor. Nach den Recherchen von EMNID jedoch planten 52 Prozent aller Bundesbürger einen Ferientrip. Das sind zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. Damit hat sich der Anteil der Reisekonsumenten seit 1948 nahezu verzehnfacht. In gleichem Maße stiegen auch die Buchungszahlen bei den großen Veranstaltern. Nicht einmal 50 000 hatten 1943 ein Touropa-Ticket in der Brieftasche, 420 000 bis 430 000 dagegen werden es zum Feierabend dieses Jahres gewesen sein. Bei Hummel und Scharnow, aber auch beim Individual-Propagandisten DER, werden die Relationen ähnlichen Werten entsprechen. Leider haben die großen Unternehmer ihre Kunden nicht nach sozialen Gesichtspunkten erfaßt. Übereinstimmend erhält man die Auskunft, daß Angehörige aller Einkommensschichten zum festen Kundenstamm gehörten.

Die soziologischen Strukturen haben sich überlappt, seitdem man für noch nicht einmal tausend Mark am Kilimandscharo auf Photosafari gehen kann. Einigen Aufschluß über die Reisefreudigkeit der einzelnen Berufszweige erbrachte allerdings eine Untersuchung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaften in Bad Godesberg. 1964 hat man hier ermittelt, daß im Jahre 1965 72 Prozent aller Angestellten einen Klimawechsel beabsichtigten. Mit 61 Prozent zeigen sich die Beamten ebenfalls sehr reisefreudig. Von den Facharbeitern wollten genau die Hälfte ihre Koffer packen, bei den Selbständigen hatten indessen nur 30 Prozent eine Urlaubsreise fest ins Jahresprogramm eingeplant. Stark beeinflußt wurde diese niedrige Zahl allerdings von den Landwirten, die seit eh und je am unempfindlichsten gegen das Fernweh sind.

Eindrucksvoll ist die Zunahmequote des Flugtourismus: 1961 kletterten noch keine 50 000 Passagiere in die Chartermaschinen, 1966 werden es etwa 650 000 sein. Dabei ist erwähnenswert, daß der touristische Normalverbraucher in seiner Rekordlust sogar die geheiligten Privilegien des britannischen Globetrotters antastet. War mediterranes Kreuzfahrterleben noch 1964 weitgehend eine englische Domäne, so haben die Bundesrepublikaner in den Jahren 1965 und 1966 auch auf diesem Gebiet zumindest gleichgezogen. 1967 werden sie, dank englischer Devisenzwangswirtschaft, auch auf diesem Sektor die europäische Spitze erklimmen.

Eine Rundfrage bei den wesentlichen ausländischen Fremdenverkehrsbüros bestätigte das Bild, das man sich aus gelegentlichen Notizen in ausländischen Zeitungen ohnehin machen konnte: Der deutsche Durchschnittstourist ist in Europa gesellschaftsfähig geworden. So haben die Italiener erkennen müssen, daß er bei aller Großzügigkeit nicht gewillt ist, rücksichtslose Preisschneiderei widerspruchslos hinzunehmen. 1965 präsentierte er den Hoteliers zwischen Gardasee und Golf von Tarent die Quittung für unersättlichen Wucher. Da man in Italien schnell schaltete und die übelsten Mißstände mit staatlicher Daumenschraube abstellte, zogen im Jahre 1966 die germanischen Zugvögel wieder zahlreicher über Brenner und St. Gotthard. Man schätzt die Zunahme auf sieben Prozent. Die Skandinavier schließlich haben sich abgewöhnt, in heftigen Attacken die deutsche Strandburgen-Herrlichkeit anzugreifen. Man hat mittlerweile eingesehen, daß diese teutonische Eigenart nichts mit Kriegsgelüsten zu tun hat, sondern eher mit dem typisch deutschen Eigenheimstreben. Und in Frankreich empfindet man es nicht mehr als preußische Großmannssucht, wenn ein reisender Gesangverein unter dem Eiffelturm das Lied vom Brunnen vor dem Tore anstimmt.

Im allgemeinen machten die Deutschen auch in diesem Jahr von einem Eintrag ins Beschwerdebuch wenig Gebrauch. Die Quote der Unzufriedenheit pendelt bei den einzelnen Unternehmen zwischen einem und dreieinhalb Promill (immerhin sind das Tausende). Blättert man in der Meckerkartenkartei der Veranstalter, dann stellt man fest, daß auf der Rennstrecke im Flugtourismus zur Insel Mallorca so gut wie keine Mißstände mehr zu melden waren. Die spanischen Hoteliers, ständig kritisch überwacht vom Auge staatlicher Kontrolleure, wissen, daß sie den Konkurs anmelden können, wenn die deutsche Ferienflug-Armada einmal den Kurs ändern sollte. Sie haben sich in Preis, Service und Umgangston restlos auf die harten Forderungen in diesem so krisenanfälligen Gewerbe eingestellt. Klare Katalogangaben bei den großen Unternehmen ließen darüberhinaus keine Zweifel entstehen, daß man bei einem Preisangebot unter 300 Mark keinen übertriebenen Luxus erwarten. durfte.