Der einzige, zu dem er sich’hingezogen fühlte, scheint sein Großvater gewesen zu sein, den er allerdings mehr aus der Ferne kannte. Ihn nannte er Vater, während er seinen wirklichen Vater meistens als Bruder bezeichnete. Vielleicht spielte dabei auch der verhältnismäßig geringe Altersunterschied zu seinem Vater eine Rolle; zwischen ihnen standen nur etwa achtzehn Jahre. Das heißt, als es den sehr ehrgeizigen Jüngling bereits nach Macht gelüstete, war der Vater eben Mitte dreißig, ein noch junger Mann also, der dem Sohn überall im Wege stand, überall dort, wo der Junge zu Ruhm kommen wollte. So jedenfalls erschien es ihm aus. seiner Perspektive.

Für den Vater stellte es sich anders dar. Er war enttäuscht, weil sein Sohn sich in jeder Hinsicht höchst ungünstig entwickelte. Beschreibungen zeigen ihn als auffallend klein und schwach; er hatte einen zu großen Kopf, eine gelblichgrüne, ungesunde Gesichtsfarbe, eine eingefallene, rachitische Brust, eine verwachsene, bucklige Schulter. Und vor allem: auch geistig war er zurückgeblieben. Entwickelt, aber bis ins Maßlose, schien nur sein Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Doch fehlte es ihm an Kraft und Intelligenz. Und der Vater, der den Kränkelnden – der Junge litt schon früh an Malaria – für unfähig hielt, irgendein Amt zu bekleiden, öffnete ihm keinen Weg.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn verschlechterte sich noch mehr, nachdem der Sohn einen schweren Unfall erlitten hatte. Auf dem Weg zu einem Rendezvous mit einem jungen Mädchen war er eine Treppe hinabgestürzt und hatte sich am Kopf schwer verletzt. Man fürchtete um sein Leben, zumal bald hohes Fieber hinzukam. Einer der berühmtesten Ärzte wurde konsultiert; indessen ging es dem Verunglückten erst wieder besser, nachdem Mönche ihn mit dem wunderbarerweise unverwesten Leib eines längst verstorbenen Klosterbruders in Berührung gebracht hatten. Aus Dankbarkeit hat er später, als er einigermaßen wiederhergestellt war, versucht, eine Heiligsprechung des seligen Klosterbruders zu erwirken. Denn er glaubte wirklich, daß nicht der berühmte Arzt, sondern die Berührung mit jenem Leichnam ihn geheilt habe.

Wirklich geheilt aber war er keineswegs. Immer häufiger hatte er Fieberanfälle, fast stäncig fühlte er sich matt, und immer öfter verhielt er sich so, daß es in geistiger Hinsicht besorgniserregend war. Dennoch zeigte sein Vater sich jetzt bereit, ihm – inzwischen war der Sohn neunzehn Jahre alt – Verantwortung zu übertragen und ihm ein Gehalt auszusetzen. Aber das führte zu nichts Gutem. Im Grunde blieb der Sohn an den ihm übertragenen Aufgaben desinteressiert. Die größere Freiheit, die ihm seine Stellung und seine Einkünfte brachten, nutzte er nur, um gegen den Vater zu intrigieren. Seine Abneigung gegen den Vater steigerte sich zu maßlosem Haß.

Zugleich jedoch wuchs auch seine Furcht. Er muß schließlich an Verfolgungswahn gelitten haben. Von einem Mechaniker ließ er sich besondere Türsicherungen anfertigen und eine Vorrichtung, die es ihm ermöglichte, die Tür seines Zimmers vom Bett aus zu öffnen und zu schließen. Er schlief stets mit dem Schwert und zwei Pistolen neben sich. Aber das war für sein Sicherheitsbedürfnis nicht genug. Irgendwann hatte er gehört, daß ein gefangener Bischof seine Wächter mit dem Einband seines Breviers erschlagen hatte, um zu entkommen. Und so gab er bei seinem Mechaniker eine als Brevier getarnte Waffe in Auftrag, mit der man einen Menschen auf einen Schlag töten könne. Es wurde ein "Buch" aus Eisenblättern, mit Leisten von Stahl und Gold, zwölf Pfund schwer.

Vor wem fürchtete er sich so sehr? Ohne Hilfe seines Vaters, ohne dessen ausdrücklichen Befehl konnte eigentlich niemand an ihn heran. Es war der Vater selber, den er fürchtete. In ihm sah er seinen größten Feind. Und gegen ihn hegte er schließlich sogar Mordabsichten. Es war Wahnsinn.

Während einer Beichte gestand er seine Absicht. Jedoch nicht sofort. Zunächst hatte er nur bekannt, gegen einen anderen Menschen feindselig gesinnt zu sein, feindselig bis zu dessen Tod. Da war ihm die Absolution verweigert worden. Da er auf die Absolution nicht verzichten wollte, suchte er andere Beichtväter, ja er ließ einen Rat von Theologen einberufen, um die Frage theoretisch erörtern zu lassen. Man deutete ihm schließlich folgende Möglichkeit an, doch noch absolviert zu werden: Er müsse die betreffende Person nennen; immerhin könne es ja sein, daß er triftige Gründe habe, jemanden bis in den Tod zu verfolgen – dann wäre eine Absolution nicht ausgeschlossen. Er ist auf diese Möglichkeit eingegangen. In seinem Wahn hielt er seine Mordgedanken offenbar für berechtigt; zu sehr fühlte er sich zurückgesetzt, beleidigt, mißachtet. Er nannte die Person, nannte seinen Vater. Die Absolution wurde ihm nicht erteilt.