Jeder mit jedem – das war zu Wochenbeginn die Parole für die kommenden Koalitionsverhandlungen in Bonn. Das CDU-Parteipräsidium setzte ich ("im Einvernehmen mit dem Kanzler") über Erhards Wunsch hinweg, zunächst nur mit der FDP zu verhandeln, um die alte Koalition wieder zu beleben, evtl. sogar unter einem Kanzler Ludwig Erhard. Vielmehr sollen die Gespräche nun auch auf die Sozialdemokraten ausgedehnt werden. Gleichzeitig beschloß der CDU-Vorstand, noch in dieser Woche einen Kandidaten für die Kanzlernachfolge zu wählen.

Der linke Flügel der CDU – etwa vierzig bis fünfzig Abgeordnete – hat sich bereits eindeutig auf eine Große Koalition festgelegt und verlangt, jetzt keine Rücksicht mehr auf die Freien Demokraten zu nehmen.

Auf der anderen Seite hat der stellvertretende FDP-Vorsitzende öffentlich erklärt, auch eine nur knappe Mehrheit von sechs Stimmen sei kein Hindernis für eine Kleine Koalition zwischen SPD und FDP, In ähnlichem Sinne äußerte sich auch der SPD-Vorsitzende Willy Brandt, der sogar auf eine Mehrheit von sechzehn Stimmen kommt, da er die Berliner Abgeordneten mitzählt. Schließlich sei Adenauer 1949 nur mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden. Gleichzeitig hat die SPD jedoch auch erste Fühler zur CDU ausgestreckt.

Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der FDP im Falle einer Koalition mit den Sozialdemokraten scheint noch nicht gebannt. Der Ausgang der Wahl in Hessen, wo die Wähler den Austritt der FDP aus der Koalition nicht honoriert haben, bestärkte die Bedenken gegen eine sozialistisch-liberale Ehe. Ein prominenter CDU-Politiker behauptete, ihm seien zehn Mitglieder der FDP-Fraktion, vor allem Wirtschaftler, bekannt, die bei einer SPD/FDP-Koalition sofort aus ihrer Partei austreten würden.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Herbert Wehner hat die Stimmung im Bundesparlament am Dienstag zum erstenmal getestet. Mit 255 Stimmen der SPD und FDP gegen 246 Stimmen der CDU/CSU wurde ein Antrag der SPD-Fraktion angenommen, daß der Bundeskanzler die Vertrauensfrage stellen solle. Dieses Ergebnis bedeutete höchste Alarmstufe für die CDU.

Erhard weigerte sich, dem Mehrheitsbeschluß zu folgen, weil er inzwischen seine an die Adresse der eigenen Partei gerichtete Drohung mit Neuwahlen hatte fallen lassen. Nach einem Mißtrauensvotum hätte der Kanzler das Recht gehabt, dem Bundespräsidenten Neuwahlen vorzuschlagen. Immerhin versicherte Erhard nunmehr auch vor dem Bundestag, daß er nicht an seinem Sessel klebe. Am selben Tag nominierte der Bundesvorstand seiner Partei vier Kandidaten für die Nachfolge in alphabetischer Reihenfolge: Rainer Barzel, Eugen Gerstenmaier, Kurt-Georg Kiesinger und Gerhard Schröder.