Das System der amerikanischen Außenpolitik

Von Ekkehart Krippendorff

Ernst-Otto Czempiel: Das amerikanische Sicherheitssystem 1945–1949. Beiträge zur auswärtigen und internationalen Politik, Band 1. Walter de Gruyter-Verlag, Berlin; 442 Seiten, 64,– DM.

Angesichts der allgemeinen Dürre, die hierzulande die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen der internationalen Politik kennzeichnet, ist es erfreulich, einmal – um im Bilde zu bleiben – auf Wasser zu stoßen: Der Darmstädter Politikwissenschaftler Czempiel publizierte soeben seine Habilitationsarbeit über die Anfänge der amerikanischen Nachkriegsaußenpolitik; er eröffnete damit zugleich eine neue Reihe, die von den beiden einzigen deutschen Lehrstuhlinhabern für Außenpolitik (Richard Löwenthal und Gilbert Ziebura, Berlin) herausgegeben wird, von der man sich eines erhoffen darf – den Anstoß für eine intelligentere publizistische und politische Diskussion außenpolitischer Fragen. (Allerdings steht wohl der wünschenswerten Breitenwirkung einer solchen Reihe der unzumutbare und unvertretbare Preis im Wege. Indem sie derart die Käuferschicht auf Bibliotheken und Institutionen beschränkt, bringt sich die Politikwissenschaft um eben die Chancen der Urteilsbildung der Öffentlichkeit und des Publikums, auf die es ihr entscheidend ankommen sollte.)

Czempiels Buch ist der erste groß angelegte Versuch eines westdeutschen Wissenschaftlers, die Außenpolitik einer Großmacht – eben der Vereinigten Staaten – für einen klar abgegrenzten Zeitraum "auf den Begriff" zu bringen, ihre "Gestalt" herauszuarbeiten, und das Ergebnis rechtfertigt weitgehend den immensen Fleiß und die pedantische Genauigkeit des Verfassers. Er geht davon aus, daß die Vereinigten Staaten nach 1945 nicht, wie es nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war, vor die Wahl gestellt waren zwischen Isolation (= Rückkehr auf den eigenen Kontinent) und Engagement (= Mitgliedschaft im Völkerbund, zum Beispiel), sondern daß diesmal das Engagement, die aktive Weltpolitik also, von Führung und Gesellschaft selbstverständlich akzeptiert wurden. Nur wenige Randgruppen wollten das Rad der Geschichte zurückdrehen. Statt dessen hieß nun die "große Alternative" lediglich "Alleingang oder Zusammenarbeit", oder, in vornehmerer Terminologie, "Domination oder Kooperation".

Geändertes Konzept

Die Vereinigten Staaten, so zeigt er, entschieden sich klar zugunsten der Zusammenarbeit als der billigsten, sichersten und Traditionen wie Interessen einer "bürgerlichen Republik" am ehesten angemessenen Methode der langfristigen Gewährleistung von Sicherheit. Und zwar einer Sicherheit, die aus einem System der internationalen Beziehungen bestehen sollte, das ihrer Wirtschaftskraft die größten Entfaltungsmöglichkeiten bot. In diesem Sinne wurden die Vereinten Nationen gutgeheißen, wurden Wirtschaftshilfe und Wiederaufbaukredite vergeben zur Gesundung und auch Veränderung fremder Gesellschaften nach dem eigenen Vorbild und zugunsten der maximalen Befriedigung der eigenen wirtschaftlichen Interessen; in diesem Sinne bildete auch die amerikanische Gesellschaft die Instrumente der Militärhilfe und der Propaganda aus, um der anderen Alternativmöglichkeit – "die Anwendung gewaltsamer Mittel" – aus dem Wege zu gehen.