Im Sommer 1927 verließ ich Leipzig, wo ich Student und Redakteur gewesen war, und zog nach Berlin, um dort mein Glück als freier Schriftsteller zu versuchen. Ich war ehrgeizig, und das Glück hatte ein Einsehen. Meine satirischen Gedichte fanden Anklang. Auch die Kurzgeschichten, Theaterkritiken und Reportagen wurden beachtet. Ich war jung und hatte tausend Pläne. Doch der Plan, für Kinder zu schreiben, war nicht darunter. Trotzdem erschien im Herbst 1928 mein erstes Kinderbuch.

Die Anregung kam vom Verleger der "Weltbühne", einer linksliberalen, pazifistischen Wochenzeitschrift, zu deren Mitarbeitern ich zählte. Der Verleger hieß Edith Jacobsohn. Sie war die Witwe des Gründers der Zeitschrift, und wir trafen uns manchmal in ihrer Wohnung im Grunewald. "Wir", das waren Ossietzky, Tucholsky, Arnold Zweig, Polgar, Hegemann, Morus, Kesten, Arnheim und ich. Es gab Vermouth, Cognac, belegte Brötchen und interessante Diskussionen.

An einem dieser Nachmittage bugsierte sie mich auf den Balkon, klemmte ihr Monokel ins Auge und sagte: "Sie wissen, daß ich ‚Die Weltbühne’ nur leite, weil mein Mann gestorben ist. Und Sie wissen auch, daß mir der Kinderbuchverlag ‚Williams & Co‘ gehört."

Ich nickte. Ich wußte es. Sie hatte, in deutscher Übersetzung, Hugh Loftings Dolittle-Bände herausgebracht, "Pu der Bär" von A. A. Milne und zwei Bände von Karel Čapek. Der Verlag genoß größtes Ansehen.

"Es fehlt an guten deutschen Autoren", sagte sie. "Schreiben Sie ein Kinderbuch!"

Ich war völlig verblüfft. "Um alles in der Welt, wie kommen Sie darauf, daß ich das könnte?"

"In Ihren Kurzgeschichten kommen häufig Kinder vor", erklärte sie: "Davon verstehen Sie eine ganze Menge. Es ist nur noch ein Schritt. Schreiben Sie einmal nicht nur über Kinder, sondern auch für Kinder!"