Von H. K. Kramberg

Fast möchte man es nicht glauben, daß der Romanheld, der bereits auf Seite 40 drohend die Fäuste ballt und dazu ruft: "Weib! – Ich warne dich!" – daß dieser Held auf der Höhe seines papierenen Lebenslaufes es zu nichts Interessanterem bringt als jenem, was sein Autor Henry Jaeger mit dem Substantiv Loddel bezeichnet, das seinerseits eine Verballhornung des mundartlichen Luden, unseres Zuhälters ist. Jaeger scheint sich auch in diesem seinem neuen Roman

Henry Jaeger: "Das Freudenhaus Roman; Rütten + Loening Verlag, München; 320 S., 22,– DM

– an die Faustregel gehalten zu haben, die dem freien Schriftsteller eine gewisse Vertrautheit mit dem Milieu, das er schildert, ans Herz legt. Auch Flaubert und Zola, Maupassant, Heinrich Mann, Bert Brecht und Fallada haben diese Regel bei der Wahl des von Jaeger behandelten Themas nicht in den Wind geschlagen. Unser Autor begibt sich also als literarischer Bordellfrequenteur in keine schlechte Gesellschaft. Doch nur ein Stilist ersten Ranges dürfte heute noch hoffen, durch den Umgang mit käuflichen Schönen literarisch Furore zu machen. Ein Verlag, der einen neuen Hurenroman als bessere Literatur auf den Markt wirft, partizipiert an dem Mut, den der Autor des Buches bei dessen Verfertigung zeigte, Wäre dem nicht so, dann müßte der kritische Leser die Zumutung solcher Lektüre eine schlichte Unverfrorenheit nennen.

Die Story von Glanz und Elend des sogenannten Hundemenschen Leopold, der dicken Rosa und des weiblichen Personals der "Artistenklause" vor Augen, neige ich letzterem zu: Es ist eine Unverfrorenheit. Vom getretenen Hanswurst der Hundemensch hat sich seinen hintersinnigen Namen nämlich als Tierspieler in der Zirkusirena verdient) bis zu Rosas gewaltigem, aber "bibberndem" Busen, an dem dieser Hanswurst profitiert und verloddelt, vom jungen Mann aus gutem Hause, der unter dem Vorwand, den bildenden Künsten zu frönen, dem romanesken Hetärengespräch die pseudo intellektualistische Würze verleiht, von der ausgepowerten "Oma" bis zur gleichsam gegen den Strich deflorierten und dadurch dem Milieu integrierten Klosterschülerin hat Henry Jaeger sich kein Klischee entgehen lassen, das von der Fortsetzung-folgt-Belletristik nicht schon tausendmal geprägt worden ist,

Da ist alles dran. Und selbstverständlich gelangt, wer dem Betrieb in Madame Rosas Etablissement nicht aus eigener Machtvollkommenheit ein Ende macht, zu der von ungezählten Hurenweibeln der schönen Literatur gleichfalls verfochtenen Einsicht, daß Treu und Redlichkeit nirgends besser gedeihen als dort, wo die Erniedrigten wohnen, zwischen Strich und Bordellbett. Eine dicke Rosa, sogar ein Hundemensch wird sich immer noch leichter durchs Nadelöhr zwängen als das bourgeoise und füglich a priori perverse Kamel. Den Ärmsten der Armen, auch wenn sie, wie die blonde Inge, den schnittigsten Wagen Jahren und das Bankkonto einer Nitribitt haben, eignet allemal ein Schimmer des Lichts, das die Heilige Magdalena auf ihren Beruf warf. Sie haben sich, versteht man ihren frommen Kinderglauben, die Keuschheit des Herzens bewahrt. Das zarte Pflänzchen der Unschuld, es gedeiht an den verrufensten Plätzen, während die, welche sich auf diese Plätze als zahlende Kunden begeben, und jene, die sie verachten, zum Sortiment der Heillosen gezählt werden müssen.

Das ist soziale Kritik.