Kurz, jeder weiß, worauf es in diesem Buch ankommt, und Jaeger weiß, was er den Lesern illustrierter Blätter als moralisches Alibi schuldet. Er bietet aber noch mehr; er verstärkt sein konventionelles Ensemble durch den Einsatz von Figuren, die er aus dem Fundus der Körperbehinderten nimmt. Taubstumme und Blinde läßt er in Rosas Institut zur Obermiete wohnen, und speziell den Blinden ist es zu danken, daß es am Ende der Story sogar noch zu einem fast kapitalen Kriminalprozeß kommt. Hat doch die blinde Frau aus Kummer über die Vernachlässigung, die ihr und dies in einem Freudenhause! – durch ihren blinden Gatten zuteil wird, mit einem dritten Blinden, dem Herrn von Weber, die Ehe gebrochen. Der blinde Hahnrei ertappt das Paar in flagranti und wird vom Hausfreund mit einem Krückstock blindlings zu Tode geschlagen. Damit nicht genug, die unselig, nun doppelt unselig Liebenden wollen den stummen Zeugen ihres Verbrechens heimlich beiseite schaffen und auf den nahen Bahndamm legen. Aber blind, wie sie sind, verwechseln sie den Tag mit der Nacht. Und so kommt alles auf.

Das könnte sozusagen schwarzer Humor sein, aber in Jaegers Freudenhaus hat es doch mehr die Funktion dessen, was in der Tragödie der Alten die Katharsis war. Es konfrontiert den Leser gleichsam mit den toten Augen der blindlings waltenden Moira und treibt die ganze Sache ins höchst Symbolische vor,

Vom Schicksal zermalmt wird endlich auch der arme Held der Geschichte, der Hundemensch – Nutznießer und Opfer einer Gesellschaft, die Rosas und ihrer Mädchen Gewerbe mangels besserer Lösungen noch nicht aus der Welt schaffen konnte. Der Hundemensch bricht unter der Last dieser Schuld zusammen, die doch nicht "seine", sondern "unsere" ist. Wir sehen ihn auf allen Vieren in den Polizeigewahrsam kriechen, den die Gesellschaft – und das sind wir alle! – für ihre Opfer bereit hat,

Ich freilich sehe hier noch eine andere Rechnung aufgehen. Das Ende des Hundemenschen ist ein gerechtes Ende, Denn der Held eines Romans, dessen Autor sich anheischig macht, wenigstens dem Jargon der Deklassierten grammatikalisch gewachsen zu sein, darf nicht auf Seite 40 die Geschäftsfrau, mit der er sein Auskommen sucht und ja schließlich auch findet, in der Sprache der Bibel apostrophieren, Er hätte seine Rosa nicht "Weib" nennen dürfen. Sprachsünden rächen sich immer, Und wenn Henry Jaegers Freudenhaus im Genre der horizontalen Literatur als ein Pfuhl der Verdammnis, als eine Hölle des Ekelhaften erscheint, dann liegt’s an der "Schreibe".