Von Werner Höfer

Spät kam sie, zu spät – die vom Ständigen NATO-Rat in Paris verfügte Aufhebung des Röhrenembargos. Hans Dichgans erreichte die Nachricht nach einer Sitzung des Bundestags-Finanzausschusses, der wieder einmal über die Kilometergeldpauschale zu beraten hatte. Der Doktor der Rechte ist unter den CDU-Abgeordneten einer der wenigen, die ökonomischen Sachverstand, undogmatische Liberalität und musische Ambitionen in sich vereinigen. Seit den frühen fünfziger Jahren hat er mit dem Stahl zu tun. Er ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, mithin ein Mann, der sich über die Pariser Depesche freuen müßte.

"Worauf führen Sie die Sinneswandlung der NATO zurück?"

Der Befragte verweist zunächst auf den Text der Pariser Erklärung, der eine Begründung enthält, die man als zynisch oder als naiv bewerten kann: Ein Röhrenembargo gegenüber dem Ostblock sei nicht mehr nötig, weil die Sowjetunion inzwischen alles habe, was sie damals brauchte, entweder von anderen oder aus eigener Produktion. Die Rohrleitungen seien jetzt verlegt, und die Russen hätten sich eine selbständige Röhrenproduktion zugelegt.

Hans Dichgans meint aber auch, in dem Beschluß des NATO-Rats ein Anzeichen für Umdenken und Neubewertung des Ost-West-Verhältnisses und der wirtschaftspolitischen Beziehungen erkennen zu können. Er läßt offen, ob auch die Aufweichung des westlichen Verteidigungsbündnisses für diesen weicheren Kurs gegenüber dem östlichen Teil Europas gesorgt habe. Wohl aber schließt er die Möglichkeit nicht aus, daß Bemühungen der Bundesregierung – offenbar in Abstimmung mit Frankreich – diese NATO-Entscheidung beeinflußt hätten.

"Die Bundesregierung hatte wohl auch allen Grund, für eine Änderung dieses Embargobeschlusses zu sorgen, denn sie hat es nicht verstanden, beträchtlichen materiellen und vielleicht noch größeren psychologischen Schaden von der deutschen Stahlindustrie abzuwenden."

"Das ist als Feststellung des Faktischen gewiß nicht falsch. Man muß aber zum Verständnis des Verhaltens der Bundesregierung verstehen, wie heikel unsere Lage Anfang 1963 war. Wir hatten damals manchen Anlaß, bei anderen NATO-Partnern Verstöße gegen die vor genau vier Jahren erlassenen Embargobestimmungen zu beklagen. Als wir nun vor dreieinhalb Jahren ein großes Röhrengeschäft mit den Sowjets abschließen wollten, wurden wir, die wir oft moniert hatten, gewissermaßen selber in den ‚Anklagezustand‘ versetzt."