"Röhren sind deshalb besonders interessant, weil sie ein Spezialprodukt darstellen, mit dem die deutsche Stahlindustrie ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll beweisen kann. Röhren werden außerdem meistens in großen Mengen und auf längere Frist abgenommen. Was also ein Röhrengeschäft so anziehend macht, ist einmal die daraus resultierende Kontinuität der Produktion und zum anderen die Demonstrierung von Qualität."

"Die deutsche Stahlindustrie ist so sehr an schlechte Nachrichten gewöhnt, daß die Nachricht aus Paris doch einige Freude ausgelöst haben müßte?"

"Gewiß, aber die Aufhebung des Embargobeschlusses zu diesem Zeitpunkt reicht nicht aus, die Lage der deutschen Stahlindustrie zu erleichtern. Aus dem Fall kann jedoch die Lehre gezogen werden, daß durch wirtschaftlichen Druck meistens politischer Gegendruck erzeugt wird. So würde ein Verzug, der geschäftlich töricht war, sich wenigstens als politisch lehrreich erweisen." Damit spielt Dichgans auf die Tatsache an, daß die Sowjets sich gegenüber dem Westen in keiner Weise nachgiebig gezeigt haben, wohl aber ihr Erdöl durch ein eigenes Röhrensystem inzwischen bis zum mitteldeutschen Leunawerk transportieren.

In Mitteldeutschland ist der Bonner CDU-Wirtschaftspolitiker und Düsseldorfer Stahl- und Eisen-Mann in letzter Zeit mehrfach gewesen – als Tourist. Er hat von diesen Deutschlandreisen eine Idee mitgebracht, die das Gegenteil von Embargopolitik darstellt: Er war in Dresden und stand vor der Staatsoper, deren Mauern erhalten blieben, während das Innere ausgebrannt ist. Hans Dichgans meint, wenn die Bundesrepublik – mit gutem Grund – zehn Millionen für die neue New Yorker Metropolitan-Oper hergeben konnte, so könnten wir auch einen ansehnlichen Betrag, etwa 30 Millionen, aus Marshallplan-Rückflußmitteln für den Wiederaufbau des Semper-Baus aufbringen, selbstverständlich ohne politische Bedingungen. Das sei eine Art von binnendeutscher Bruderhilfe, der keinerlei politische, juristische oder ideologische Schwierigkeiten im Wege stünden, da sich eine solche Spende durch das Instrumentarium des Interzonenhandels abwickeln lasse. Den Menschen aber würde es gewiß einiges bedeuten, denn – und Hans Dichgans zitiert Bert Brecht: "Die Wahrheit ist immer konkret."