Von Otto F. Beer

Nun ist Bert Brecht also Burgtheater-Autor in Wien geworden. Seit in Wien die kommunistische Scala, die sich seiner Werke angenommen hatte, ihre Tore schloß, war sein "Fall" ein Politikum geworden. Mit jeder Verschärfung des Kalten Krieges verschärfte sich auch der "Brecht-Boykott", der nicht etwa (wie man mitunter annimmt) auf das Wirken des einen oder anderen prominenten Theaterkritikers zurückzuführen ist, sondern auf einen Entschluß der Theaterdirektoren, abzuwarten, bis Brecht den aktuellen tagespolitischen Auseinandersetzungen entrückt sei.

So weit scheint es nun zu sein. Immerhin hat das Volkstheater in den letzten Jahren in Wien einen ganzen Brecht-Zyklus gespielt. Und nun gab es einen spektakulären "Galilei" an der Burg, von Kurt Meisel inszeniert, mit Curd Jürgens in der Titelrolle.

Das Ereignis war dadurch gewissermaßen abgeschirmt worden, daß man im vergangenen Frühjahr an der Burg den "Aufstand der Plebejer" von Grass gespielt hatte, wobei nur wenige bemerkt haben durften, wie ähnlich die Thematik beider Werke ist: Zweimal die Tragödie des intellektuellen Verrats.

Viel Freude herrschte über diese Aufnahme Brechts in das Burgtheater-Repertoire, und man merkte an, daß er ja nicht nur seit 1950 österreichischer Staatsbürger, sondern im Grunde eigentlich immer ein verkappter Burgtheaterautor gewesen sei. Sehr verkappt – zugegeben; aber doch ein Dichter, den man nicht unbedingt mit dem Organon in der Hand inszenieren müsse, sondern der durchaus auch eine andere szenische Ausdeutung vertrage. Kurzum: Nächste Saison will man im kleinen Haus der Burg, dem Akademietheater, den "Puntila" spielen.

Nun ist mit "Galilei" tatsächlich ein seltsamer Amalgamierungsprozeß vorgegangen – ein Prozeß, der vielleicht nur bei diesem Werk Brechts möglich ist.

Die Tragödie von der sittlichen Verantwortung des Physikers, vom Widerstreit zwischen Forschungsdrang und Drang zum guten Leben, ist im Exil entstanden, als Brecht die Kunde vom Gelingen der Kernspaltung erhielt. Von den strengen Methoden des epischen Theaters war er in jenem Augenblick ziemlich weit entfernt, hat selbst die Möglichkeit offengelassen, den "Galilei" als "Schinken" zu spielen.