Von Werner Ross

Die geplante Ausgabe von Hofmannsthals Briefen ist vor nahezu einem Menschenalter steckengeblieben; ihr zweiter Band, die Briefe bis 1909 umfassend, erschien 1939 und ist längst vergriffen. Statt dessen werden aus einem scheinbar unerschöpflichen Füllhorn Briefwechsel mit bedeutenden Zeitgenossen veröffentlicht. Mit der Arbeitskorrespondenz zwischen Hofmannsthal und Richard Strauß fing es an, der hochbedeutsame Briefwechsel mit George folgte, Rudolf Borchardt, Carl J. Burckhardt, Arthur Schnitzler haben sich angereiht. Auch die Freunde kommen an die Reihe: Eberhard von Bodenhausen, Helene von Nostitz, und schon wieder ist einer von den handlichen, schlanken, sauber edierten Bänden fällig –

Hugo von Hofmannsthal / Edgar Karg von Bebenburg: "Briefwechsel", herausgegeben von Mary E. Gilbert; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 256 S., 24,– DM.

Brief-Wechsel sind nicht nur für den Verleger angenehmer; auch der Leser hat seine Freude daran. Die Dichterbriefe sind in ihrem Kontext nicht so sehr "Werk", aufgefädelt neben Dramen, Gedichten und Prosa, sondern stehen lebendig im Wechselgespräch, bilden manchmal kleine Romane, die an Fiktionen wie den Werther und die Neue Heloise heranrücken, oder geben im Hin und Her bedeutender Äußerungen ein abgekürztes Bild der Epoche.

Dieser Briefwechsel nun scheint eine Ausnahme zu bilden – zwei junge Leute, zwei Freunde schreiben einander. Der eine ist zwar ein Literat, Hofmannsthal hat früh angefangen, schon als Abiturient war er "entdeckt", aber der andere ist offensichtlich eine ganz andere Sorte, "Marineur", wie ihn Hofmannsthal scherzhaft ’nennt, Seekadett, Leutnant zur See, ein junger Wiener. Aristokrat mit englischen Allüren und Idealen, und zwischen den beiden gibt es nur die Gemeinsamkeit des geselligen Kreises, der Familien, der Ferienfreundschaft und Ferienzeitvertreibe: Tennis, Segeln, Blumenkorso. Ein wohlgeborener, wohlgezogener Jüngling ist dieser Karg, und man könnte sich den Briefroman durchaus à la Tonio Kröger vorstellen: schwärmerisches Aufblicken des Ästheten, des décadent zu dem Gesunden, Sportlichen, Frisch-Blauäugigen. Aber dieser Roman folgt nicht dem Schema, sondern verläuft ganz anders. Der Leutnant zur See erkrankt an der Schwindsucht und stirbt dreiunddreißigjährig – und hängt vorher mit aller Zärtlichkeit seines Herzens an dem klugen Freund, der ihn so unendlich übertrifft.

Es ist also ein rührender Briefwechsel, ein beinahe altmodischer, leicht wienerisch gefärbt mit "Hugerl" und "Stückl" und "bisl", und leicht sentimental mit Herzausschütten und Freundschaftsbeteuerungen. Man schämt sich fast, zuzuhören, wenn Edgar seinem Hugo schreibt: "Ich habe schon seit Jahren die Gewohnheit Dich fester in mir zu tragen als irgend einen anderen Freund, das ist ja recht begreiflich; in den letzten Wochen habe ich aber manchmal eine solche Unmenge tiefer und starker Liebe für Dich gespürt, daß ich Dir das sagen möchte." Aber dann packt einen die Stimme, die so ungelenk ist, die Gefühle mühsam hochhebt und aus ihrem Übermaß nur stockend formuliert: "Recht einige saure Stunden habe ich doch wohl immer wieder nur bestehen können, um ein paar schöner Menschen willen und in der Reihe gehst Du voran. – Mir von Deiner lieben Hand über die Haare streicheln lassen, mich in Dich einhängen, und alles andere hat nur dann den schönen Sinn, wenn ich es mir ein bißchen verdient habe. Die Kraft fürs Verdienen, dadurch daß ich einiges bestehe, kommt mir aber wieder nur vom Wissen, daß ich genügend stark in Dir vorkomme. So schließt sich der Kreis." Das ist Platon, von einem Schiffsleutnant ohne einschlägige Vorkenntnisse neu buchstabiert.

Und indem man nun diesen Freundschaftsroman liest, in den mancherlei Nebenschicksale hineinverwoben sind, Lebensratschläge und Literaturhinweise, Hilfe und Warnung, Erzählung von der Tropenfahrt und Ausschnitte aus der Schriftstellerexistenz, geht es einem sehr merkwürdig: Der junge Karg von Bebenburg gewinnt nicht nur an Sympathie, sondern auch an Figur. Eingespannt, eingesperrt erst in den Dienst, in das Gleichmaß des Bordlebens, dann in die Krankheit, versucht er sich zu entfalten, gibt sich Mühe mit seiner Bildung, versucht sich über seinen Charakter ins reine zu kommen – es wird ihm schwer, das Theoretische ist seine Stärke nicht, aber er hat manchmal ein "minutenlanges Dürsten nach Lernen" und sinnt lange den Reflexionen des Dichterfreundes nach. Der gibt ihm laufend Lektionen, die ein einziges Thema haben: das Leben. Das hört sich dann etwa so an: "Daß es ja vor allem darauf ankommt, daß jeder von uns sein Leben, sein einzelnes Leben, das ihm und dem er nun einmal unentrinnbar zugeteilt worden ist, auslebe und zwar so wahr als möglich und dann so schön als möglich."