Man kennt solche Töne, wenn auch viel musikalischer, aus den Dichtungen des jungen Hofmansthal. Die gedankliche Substanz war noch schwach, aber die Worte fügten sich flink und betörend. Wie es Tonio Kröger formuliert: "Es hat eine eisige und empörend anmaßliche Bewandtnis mit dieser prompten und oberflächlichen Erledigung des Gefühls durch die literarische Sprache." Aber der dankbare Partner hört entzückt das Raunen, das er an manchen Stellen sehr gut, an anderen sehr wenig versteht, und mit schöner Kürze antwortet er: "Wo ich gefühlt habe, hast Du den Namen genannt."

Er ist voller Bewunderung für den Freund, möchte wissen, ob der ihn für dumm hält, fragt: "Wie hast Du das alles konsumiert Aber der gleiche junge Bewunderer spricht mit einer ganz unliterarischen Frische und Stärke seine Empfindungen aus: "Ich habe gestern große Freud’ an dem Geruch von Erde und von einigen hunderten grünenden Bäumen gehabt." Oder, seine Beziehungen zur Familie analysierend: "Der Lisi und dem Hansl gegenüber bin ich förmlich bärenstark, so breitbrüstig, nicht zum Umbringen, wie ein Geber von guten Dingen; Lolo ganz anders, ein bisl verständnislos, wie vor einem Schatz, den ich erst heben muß, um ihn zu haben." Was Freund Hugo schreibt, wirkt geradezu epigonisch gegenüber einem Bekenntnis wie dem folgenden, das wie Sturm-und-Drang-Deutsch klingt: "Als ich dazu gelangte mich zu fragen: wie entrinne ich dem? standen viele Dinge in mir auf, die jedem starken Vorgehen hinderlich waren; Zweifel und Halbheiten; ich hatte keinen ganzen Glauben noch Himmel; auch kein Wissen, keine Arbeit hinter mir, die mir Stütze war oder Stolz geben konnte."

Loris, der junge Hofmannsthal, hat gewiß etwas vom Wert dieser reinen Seele und dieser herzlichen Freundschaft gespürt. Aber er war schon verstrickt im literarischen Betrieb, man lese den gleichzeitigen Briefwechsel mit Schnitzler, und wenn sich dem guten Karg jedes Buch in Leben zurückverwandelte, in Figuren, mit denen er umgehen konnte, so ging es dem jungen Autor umgekehrt: Er schickt Karg einen Briefband des jungen Goethe, und im Handumdrehen wird aus dem Begleitbrief Kunstprosa, er liest einen Brief Kargs aus der Indischen See und nimmt prompt ein paar Sätze daraus in eine eigene Arbeit hinein.

Und als der Schiffsleutnant unheilbar krank wurde, bat Karg den Freund um die Definition des Begriffes Kultur, "Kultur eines Menschen, Kultur einer Stadt, Kultur eines Landes", Hugo aber wollte seinerseits seine Briefe zurückhaben. "Man will in Weimar einen Band herausgeben, nur in ganz wenigen Exemplaren und ohne Prätention, mehr als das Symbol einer gewissen Generation, der alles enthalten soll, was ich in der ersten Jugend vom 16ten bis zum 22ten Jahr gemacht habe, und dazu soll ich auch aus den Briefen das ausziehen, was ein bisserl allgemeiner ist." Karg bekam die Definition der Kultur nicht mehr. Im letzten Brief regelte er die Übersendung der Briefe und bat den Freund, seiner Mutter zu schreiben. "Sie glaubt sich sehr vernachlässigt von aller Welt und jeder Gegenbeweis erfüllt sie tagelang mit Befriedigung."

Es wäre beinahe ein trauriger Freundschaftsroman mit der ironischen Schlußpointe dieser Bitte um Rückgabe der Freundschaftsbriefe zu höheren literarischen Zwecken und Ehren, aber den schlichten Diensttuer und lieben Kameraden hatte die Krankheit reifer und weiser gemacht, und in einem seiner letzten Briefe finden sich die schönen Sätze: "Am Schluß kommt, daß ich dafür ein echter, rechter, beglückter Mensch gewesen sein werde. – Es regt sich fort solches in mir und erfüllt mich zuweilen mit einer so riesengroßen Liebe, daß mir die Tränen nahe bei den Augen stehen."

Hofmannsthal schrieb später, im Andenken an Karg an dessen Schwester: "Die hinabgegangenen Jahre lösen sich auf in eine goldne schwimmende Sommerabendluft der Gegenwart, wir sind wieder Kinder, und wie ein Geisterhauch fährt die Ahnung des Höheren, das im menschlichen Geschick sich offenbaren will, durch uns hin."

So schön konnte es Karg von Bebenburg nicht sagen. Und dennoch, nach der Lektüre seiner rührenden und mühsamen Briefe, wird manches wunderschöne Hofmannsthal-Wort blaß.