Wir haben gar nichts gegen seinen Verbleib, es wäre vielleicht eine gute Übergangslösung, wenn er der erste Präsident der Vereinigten Europäischen Kommission würde, aber natürlich muß es nicht Hallstein sein ...". So umriß in diesen Tagen ein französischer Diplomat in Paris die Bereitschaft Frankreichs, "den deutschen Professor" (so nannte ihn de Gaulle) noch zwei Jahre an der Spitze des europäischen Gehirntrusts zu belassen, der im Vertrag von Rom etwas langweilig "Kommission" genannt wird.

De Gaulles Außenminister Couve de Murville hat in den Konferenzen, in denen bisher über die Besetzung der neuen Europa-Kommission beraten worden ist, noch nie nein zur Präsidentschaft Hallsteins gesagt – nun könnte er bald freundlichen oder unbewegten Gesichts sein "Oui" zu Protokoll geben.

Entweder wird es der Verlängerung der Amtszeit Hallsteins als EWG-Präsident gelten – dann bleibt die Vereinigung der Kommissionen von EWG und Euratom mit der Hohen Behörde für Kohle und Stahl zunächst aus. Hallstein säße weiter lediglich der EWG-Kommission vor, wo er seit dem 8. Januar dieses Jahres nur amtiert, weil die Neuwahl des Präsidenten für jeweils zwei Jahre bisher wegen der Meinungsunterschiede zwischen den "Sechs" unterblieb. Hallstein wäre dann noch bis zum 7. Januar 1968 auf dem Präsidentenstuhl im 8. Stockwerk des EWG-Gebäudes an Brüssels Avenue de la Joyeuse Entree. Oder die Fusion der drei Europagremien kommt doch noch zustande, dann wird es dem Architekten der bisher einzigen, erfolgreichen Einigungsinstitution der Alten Welt obliegen, das neue Organ zum Team zusammenzuschweißen. Mit Walter Hallstein hätte die fusionierte Kommission ihren Motor – die alte würde ihn im anderen Falle behalten.

Inzwischen haben sich die Regierungen allerdings verständigt, künftig den Präsidentensessel alle zwei Jahre wechselnd einem Staatsangehörigen eines anderen Mitgliedslandes zuzuteilen. Paris ist bereit, diese "Rotation" mit Hallstein zu beginnen – mehr aber auch nicht. Die Benelux-Länder vermerkten schon bei Hallsteins letzter Wahl am 10. Januar 1964 ihren Vorbehalt: "Die EWG-Präsidentschaft ist kein deutscher Erbhof..."

Frühestens 1968, spätestens 1969 ist also damit zu rechnen, daß Professor Hallstein Brüssel verläßt.

Der heute 65jährige hat alle Aussicht, als Konzeptor und Manager Europas dafür zu sorgen, daß das entstehende neue Gemeinwesen der Völker unserer Alten Welt nach seinem Bilde geformt wird. Der Franzose Robert Schuman skizzierte es zusammen mit Konrad Adenauer, mit dem Italiener Alcide de Gasperi und dem Belgier Paul Henri Spaak; Hallstein trug in nun fast neun Jahren EWG-Präsidentschaft gemeinsam mit seinen Kommissionskollegen, namentlich dem Niederländer Mansholt, dem Franzosen Marjolin und dem Deutschen von der Groeben, kräftig und voll nimmer müder Entschlossenheit Farbe auf.

Diese politische Aufgabe – "die konstruktivste in der Welt, der Bau des neuen Europa" – war dem Sohn eines Mainzer. Regierungsbaurats gar nicht vorgezeichnet. An den Universitäten Bonn, München und Berlin fiel er als "apolitisch" auf. Nach einer Referendarzeit (ausländisches und internationales Privatrecht) am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut ging er als Privatdozent an die juristische Fakultät der Universität Berlin, um 1930, mit 29 Jahren, Deutschlands jüngster ordentlicher Professor für Bürgerliches und Handelsrecht, Arbeits- und Wirtschaftsrecht und internationales Privatrecht an der Universität Rostock zu werden.