Von Hannsferdinand Döbler

Malcolm X: Die Autobiographie eines mohammedanischen Negers. Herausgegeben von Alex Haley. Mit einem Vorwort von Klaus Harpprecht. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 411 Seiten, 24,– DM.

Die Geschichte ist in den Geschichtsbüchern der Weißen ‚geweißt‘, und die Schwarzen sind jahrhundertelang einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Der Urmensch ist schwarz gewesen und hat den afrikanischen Kontinent bewohnt, der auch die Wiege der Menschheit war. Während der weiße Mann noch auf allen Vieren kroch und in Höhlen lebte, hatte der Urmensch, der Schwarze, bereits große Reiche und eine hochentwickelte Zivilisation aufzuweisen. Der ‚Teufel weißer Mann‘ aber hatte vom ersten Tag der Geschichte an, seiner teuflischen Veranlagung folgend, alles, was nicht weiß war, gebrandschatzt, vergewaltigt, ermordet und ausgebeutet."

So beginnt, was El-Hajj Malik El-Shabezz, ein farbiger Amerikaner namens Malcolm X, ermordet am 21. Februar 1965 von den Anhängern des Ehrenwerten Elijah Muhammad, als Kernstück der Lehre eben dieses Elijah Muhammad bezeichnet. Es heißt da auch, die Religion des weißen Mannes habe die Neger dahin gebracht, daß er stets die andere Wange hingehalten habe, wenn man ihn demütigte wie einen Hund, daß er sang und betete und alles hinnahm, was der teuflische Weiße austeilte, daß er Gutes nur vom Jenseits erwartete und geduldig mit ansah, wie der weiße Mann sich schon hierauf Erden ein Paradies bereitete.

Malcolm X hat sich das X wie jeder schwarze Muslim als Namen zugelegt, um daran zu erinnern, daß jeder Familienname eines farbigen Amerikaners der ist, den einst ein Sklavenbesitzer einem Onkel Tom gegeben hat. Und er schildert, wie ihn die Botschaft des Ehrenwerten Muhammad Elijah getroffen habe, die besagt, daß der weiße Mann ein Teufel sei, der den Schwarzen jedes Wissen von der eigenen Art, die Kenntnis, der eigenen Sprache, Religion und Kultur genommen habe, so daß die Schwarzen in Amerika eine einzige Rasse sei, die auch nicht die geringste Kenntnis ihrer eigenen Identität habe.

Der Vater des Malcolm X war Reverend Earl Little, ein Baptist und ehrenamtlicher Organisator der Universal Negro Improvement Association in Omaha (Nebraska). Als seine Frau ein viertes Kind erwartete, erschien nachts in Abwesenheit des Mannes eine Gruppe von Ku-Klux-Klan-Reitern, schlug alle Fensterscheiben ein und schrie der Frau zu, die "guten, weißen Christenmenschen" wollten es sich nicht länger bieten lassen, daß der Reverend unter den "guten Negern" von Omaha mit der Losung "Zurück nach Afrika" Unruhe stifte. Dann ritten sie mit brennenden Fackeln davon. Vier von den sechs Brüdern des Predigers waren von Weißen ermordet, einer davon gelyncht worden. Auch er, der dann in Lansing im Staat Michigan ein Haus kaufte und in den örtlichen Baptistenkirchen predigte, ist später eines gewaltsamen Todes gestorben.

Die erste Erinnerung des jungen Malcolm war, wie seine Mutter ihn in Lansing aus einem brennenden Chaos rettete, denn eine örtliche Organisation der Weißen, die "Schwarze Legion", hatte den aufwieglerischen Farbigen das Haus über dem Kopf angezündet. Damals war ein "erfolgreicher Neger" in Lansing Kellner oder Schuhputzer. Die örtliche Autoindustrie, Oldsmobile und Reo, stellte keine Farbigen ein. Die Familie des Predigers lebte von der Kollekte, die übrigen Neger von der Wohlfahrt oder von einem Notstandsprogramm.