Von Arianna Giachi

Kinderbuchverleger können ein langes, leidvolles Lied davon singen, wen Literaten ihnen schon als potentielle Autoren vorgeschlagen haben: Versuchen Sie es doch einmal bei Martin Walser mit einem Kinderbuch; haben Sie denn Celan mal gefragt, ob er Ihnen ein Kinderbuch schreibt; wie wäre es, wenn ... Es gibt keinen Namen, der bei solchen Gesprächen nicht schon genannt worden wäre. Und es gibt keinen Kinderbuchverleger, der nicht schon, entsetzt ob soviel Ahnungslosigkeit, den Kopf zu solchen Vorschlägen geschüttelt hätte.

Gertraud Middelhauve, für Experimente stets aufgeschlossen, hat es indessen gewagt. An die vierzig Autoren (darunter Thomas Bernhard, Wolf Biermann, Peter Bichsel, Günter Herburger, Siegfried Lenz, Christa Reinig) konnte sie dazu gewinnen, ihr für das geplante Buch einen Beitrag zu schreiben –

"Dichter erzählen Kindern", herausgegeben von Gertraud Middelhauve; Friedrich Middelhauve Verlag, Köln; 286 S., 16,80 DM.

Heinrich Böll lieferte eine Art Nachwort dazu: "Ratschläge für mündliche Erzähler: Das wahre Wie, das wahre Was." Man spürt es sofort, daß er zu denen gehört, die sich auf das mündliche Erzählen vortrefflich verstehen. Und daß der geborene Erzähler auch seinen Kindern erzählt, das steht für ihn ganz fest. Nur "das Wie beim mündlichen Erzählen läßt sich nicht auf Druckerschwärze ein". Und genau hier liegt wohl für die meisten Autoren die entscheidende Schwierigkeit. All das herrliche, lustvolle Improvisieren erlahmt vor dieser schwarzen klebrigen Materie. Der beflügelnde Kontakt mit den Zuhörern bleibt aus. Und ob man sich’s eingesteht oder nicht, die aufgeschriebene Erzählung verlangt nach einer literarischen Form, mag sie noch so simpel oder von höchstem literarischen Anspruch sein.

Auch jede geschriebene und gedruckte Erzählung für Kinder hat ihre literarische Form. Eine ganz besondere, sagen die meisten Kinderbuchspezialisten. Und damit haben sie nicht einmal unrecht. Nur, daß sich diese literarische Form schlecht definieren und schon gar nicht in einem Rezept formulieren läßt. Dem einen ist’s halt gegeben, der andere müht sich ein Leben lang vergebens darum. Das soll nicht heißen, daß nicht manches zu erlernen wäre, wie in jeder literarischen Sparte. Aber, und das bestätigen auch die Biographien vieler ausgezeichneter Kinderbuchautoren, der wirkliche Kinderbuchautor ist wohl doch ein Naturtalent. Ist er also ein Dichter?

Es ist heute Mode geworden, das von ihm zu verlangen. Und die Kehrseite der Medaille ist, daß dann so mancher Kinderbuchautor auch frisch-fröhlich nach dem Dichterlorbeer greift. Ein wenig verspätet, so will es scheinen.