Ein Vorschlag zur Lösung politischer, militärischer und finanzieller Probleme

Von Urs Schwarz

Urs Schwarz ist Schweizer Publizist und Autor militärpolitischer Bücher. Er war außenpolitischer Redakteur der "Neuen Zürcher Zeitung" und ist heute Präsidiumsmitglied des Londoner Instituts für Strategische Studien.

Niemand glaubt, daß das System der Verteidigung Westeuropas, wie es im Rahmen des Nordatlantikbündnisses seit 1950 aufgebaut worden ist, unverändert die Krise der NATO überdauern wird. Frankreich ist aus der militärischen Organisation des Westens ausgeschieden und kann nur bei weitherziger Auslegung der Verträge überhaupt noch als Verbündeter betrachtet werden. Es ist militärisch so schwach, daß es sich nicht selber verteidigen könnte.

Großbritannien ist entschlossen, seine Truppen in Deutschland etwa um die Hälfte zu vermindern, und Belgien wird ihm folgen. Die Vereinigten Staaten werden eines Tages zum mindesten die Form ihrer Präsenz in Westeuropa ändern, indem sie einen Teil ihrer hier stehenden Divisionen durch Divisionen einer zentralen Reserve ersetzen, die bei Bedarf nach Europa fliegen. In der Bundesrepublik Deutschland wird ein Ausweg aus dem chronischen Mangel der Bundeswehr an Offizieren und Unteroffizieren und Spezialisten und eine Erleichterung der finanziellen Bürde gesucht. Eine mögliche Antwort könnte, wie Kurt Becker in der ZEIT vom 30. September 1966 ausführte, in einer Zweiteilung der Streitkräfte bestehen: einer kleinen Elitearmee aus Berufssoldaten und daneben einer Territorialarmee von geringerer Mobilität, die sich aus Wehrpflichtigen zusammensetzt.

Ganz allgemein hat der Glaube an eine Entspannung der Beziehungen zwischen Ost und West, haben die wachsenden Ansprüche der Wirtschaft und die angespannte Finanzlage aller Staaten die Forderung nach einer Verkürzung der Militärdienstzeit und einer Herabsetzung der Wehrausgaben ausgelöst.

Angesichts dieser offenbar unaufhaltsamen Entwicklung stellt sich die Frage, ob man sich einfach damit abfinden müsse, in der Hoffnung, daß die militärische Schwäche Westeuropas nicht eines Tages zum Ausgangspunkt neuer Spannungen und Gefahren wird – oder ob man neue Wege zur Herstellung eines genügenden Systems europäischer Sicherheit suchen sollte. Glaubt man an die Notwendigkeit einer militärischen Sicherung und sucht man nach dem Wege, sie unter den veränderten Verhältnissen zu gewinnen, ist zuerst die Frage nach der Art der Bedrohung zu beantworten.