Von Martin Jänicke

Klaus Roghmann: Dogmatismus und Autoritarismus. Kölner Beiträge zur Sozialforschung und angewandten Soziologie Band I. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan. 440 Seiten; broschiert 49,– DM.

Die "Lehre von der autoritären Persönlichkeit" geht auf die 1950 erschienene Mammutuntersuchung "The Authoritarian Personality" von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford zurück. Die Fülle der kritischen Entgegnungen und weiterführenden Forschungsarbeiten, die diesem Werk gefolgt sind, ist heute kaum noch zu übersehen. Eine dieser Sekundärpublikationen hat ihrerseits Schule gemacht: die 1956 erschienene Monographie von Rokeach: "Political and Religious Dogmatism: An Alternative to the Authoritarian Personality."

Beide Werke gehen von der Hauptthese aus, daß es Menschen mit bestimmten pathologischen Persönlichkeits- und Einstellungsstrukturen – Verherrlichung der eigenen Gruppe, Ablehnung von Fremdgruppen, eingeschlossenes, dogmatischintolerantes Weltbild – gibt, die ihr soziales Verhalten in weitem Maße bestimmen und sie für autoritäre und totalitäre Ideologien anfällig machen.

Die Arbeit Klaus Roghmanns will diese beiden Theorien kritisch analysieren und an Hand neuerer Forschungen prüfen. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß weder die Lehre von der autoritären Persönlichkeit noch die Theorie des Dogmatismus eine ausreichende Erklärung der gestellten Probleme biete, gleichwohl aber "eine Fundgrube guter Hypothesen" sei. Dies macht der zweite Teil seiner Arbeit deutlich, in dem drei von den genannten Theorien ausgehende neuere Erhebungen aus der Bundesrepublik (über sechstausend Interviews) referiert und mit zentralen Aussagen der beiden Originaluntersuchungen gegenübergestellt werden. Die Grundhypothese Rokeachs und der Adorno-Gruppe, daß autoritäre wie dogmatische Einstellungsstrukturen nachweisbar seien, wurde bestätigt. Aber die Erklärung dieses Sachverhaltes unterscheidet sich von den ursprünglichen Untersuchungen.

Hatten diese sich mit individualpsychologischen Hinweisen begnügt oder allenfalls im Sinne der Psychoanalyse die sozialen Einflüsse der frühen Kindheit als Bestimmungsfaktor für Gruppenhaß und autoritärer Neigungen angesehen, so ist für Roghmann die Einstellungs- und Persönlichkeitsstruktur in erheblichem Maße ein Abbild der sozialen und kulturellen Situation des einzelnen. "Veranlagt" oder in früher Kindheit erworben ist nicht primär eine spezifische dogmatischautoritäre, intolerante Persönlichkeitsstruktur, sondern eine besondere Ego-Schwäche, die zu einer auffälligen Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Umwelt führt. Damit ist der "Dogmatiker" nicht etwa auf bestimmte feststehende Normen und Werthaltungen festgelegt. Vielmehr kann er diese mit der jeweiligen sozialen Situation radikal ändern. (Hier wäre an die bereitwillige Akzeptierung radikaler Kursänderungen durch die Mitglieder kommunistischer Parteien oder an die relativ konfliktlose Anpassung an die deutschen Nachkriegsverhältnisse durch ehemalige Nationalsozialisten zu denken.)

"Toleranz dagegen (bedeutet) eine Art Emanzipation des einzelnen von sozialen Zügen." Sie nimmt mit dem Bildungsgrad, aber auch mit dem "sozialen Niveau der Elternfamilie" zu. Demgemäß weisen Befragungsgruppen mit geringerer Schulbildung oder niedrigem Einkommen eine stärkere "Stereotypisierung" auf. Dagegen wirkt sich der Unterschied von Stadt und Land oder der Konfessionszugehörigkeit nicht auf den Grad konformen und dogmatisch-stereotypen Denkens aus. Die Konfessionslosen allerdings erwiesen sich als überdurchschnittlich tolerant; ebenso die Verheirateten im Vergleich zu den Ledigen.