Von Dieter E. Zimmer

Seit einigen Monaten hört man: in Berlin herrschte eine Literatur-Mafia, ein Klüngel, ein Racket, ein zentraler Gang, herrschten ein paar Al Capones, Drahtzieher, Manipulanten, Literaturschieber, deren Protektion zu verscherzen sich kein Schriftsteller getraue und kein Journalist. Korruption und Prostitution seien unter den Literaten dieser Stadt an der Tagesordnung und überzögen von dort aus das Land.

Man erfährt es aus dem Fernsehen und aus der Zeitschrift konkret, aus zwei Artikeln von Robert Neumann (im Mai- und im September-Heft), einem von Hans Erich Nossack (Juni) und einem des konkret- Herausgebers Klaus Rainer Röhl (September). Und so bissig sich Neumann gegen den Beifall von rechts verwahrte: über die unverhoffte und ungewöhnliche Allianz erfreut, die sich dort von ganz links her anbot, versagte man sich in jenen Bereichen nicht, ihm schadenfroh zu sekundieren. "Einer der großen Erzähler der deutschen Emigration", meldete die Deutsche Tagespost aus Würzburg ihren Lesern, "hat dem Moloch der manipulierten Cliquen-Literatur ins Maul gegriffen."

Soweit die Beschwerden der konkret- Polemiker der Gruppe 47 galten, fanden sich zwei, sie zu kontern: Fritz J. Raddatz und Joachim Kaiser – trotz der allerenden verbreiteten Unlust, den in der Tat diskussionswürdigen gegenwärtigen Status und die Zukunft der Gruppe 47 nach all den im Laufe der Jahre in Umlauf gesetzten Aggressionen und Apologien noch einmal zu erörtern, Fehlinformationen und Richtiges, trügerische und zutreffende Schlüsse noch einmal zu sortieren.

Nicht geantwortet hingegen wurde auf die Angriffe gegen das, was als der "zentrale Berliner Gang" bezeichnet worden war. Ausdrücklich klammerte Joachim Kaiser den aus seiner Erwiderung aus: "Das ist nicht meine Sache, ich kann nicht übersehen, ob in Berlin öffentliche Gelder gut oder schlecht verwendet werden... Höllerer, die Ford Foundation, der Berliner Magistrat: sie spielen einander in die Hände? Das wird schon stimmen." So daß Neumann antworten konnte: "Es stimmt. Er weiß so gut wie ich, daß es stimmt – daß eben alles stimmt, was wichtig ist und worauf es uns ankommt."

Auch die Entgegnung, die schließlich aus Berlin selbst kam, in Gestalt des Oktober-Dezember-Heftes der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter, widmete zwar dem polemischen Stil der Angriffe und der Kunst und dem Elend der Schmährede heute und in den berühmten zwanziger Jahren und überhaupt eine ganze Reihe eingehender Betrachtungen, ließ sich aber nicht dazu herab, auf die konkreten Andeutungen anders als mit Andeutungen zu reagieren. Sie blieben ununtersucht.

Die Untersuchung sei hier nachgeholt. Sie sei nachgeholt, weil die Polemiken ein in seiner Art überaus wirksames Gemisch darstellten; ein Gemisch, das fatale Reminiszenzen an Propagandaaktionen brauner Färbung weckte: In der Hauptsache operierten sie mit Schimpf-Metaphern – Mafia, Racket, Gang –, die ihren Urhebern die unmittelbare Haftung für die Richtigkeit des Gesagten abnahmen (denn alles war ja nur ungefähr und vergleichsweise gesagt), um so Schlimmeres aber zu verstehen gaben, nämlich daß da ein mächtiger verbrecherischer Geheimbund im trüben fische, während man ringsherum, von seinem Terror eingeschüchtert, schweigend zusehe.