Von Kai Hermami

Die SED-Macht probte die Koexistenz mit dem Geist. Die DDR-Literaten ließen den Aufstand. Und die mit einiger Spannung erwartete Jahreskonferenz des Schriftstellerverbandes in Ostberlin ging vorüber, ohne daß es zu der offenen Auseinandersetzung zwischen jenen, die schreiben in der DDR, und jenen, die Literatur in den Parteibüros programmieren, gekommen wäre.

Der Auftakt zu dieser Konferenz war dramatischer. Vor einem Jahr, auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees, wagten die Politbürostrategen den Frontalangriff auf alles, was der DDR-Literatur bis dahin einige Geltung auch jenseits des „Schutzwalls“ gebracht hatte. Die doktrinärsten der Kulturbürokraten preschten vor und forderten bedingungslose Unterwerfung. Sie stießen auf den geschlossenen Widerstand der prominentesten Schriftsteller. Die Einheitsfront der Literaten reichte vom linientreuen Lieblingskind der Partei, Hermann Kant, bis zum schwarzen Schaf der dichtenden Kommunisten, Wolf Biermann. Sie weigerten sich nicht nur zu kapitulieren, sie verweigerten sogar Verhandlungen über die Modalitäten ihrer Unterwerfung. Sie protestierten offen. Einer von ihnen, Franz Fühmann, erklärte unter dem Beifall seiner Kollegen den Rücktritt vom Vorstand des Schriftstellerverbandes.

Knapp ein Jahr danach veröffentlichte die kulturpolitische Wochenzeitung Sonntag neue Texte von Fühmann. Hermann Kant bekam einen Ehrenplatz im Konferenzsaal. Und das Thema Biermann, vor zwölf Monaten Leitmotiv aller Attacken gegen die Schriftsteller, war tabu.

Schließlich ließ die SED zur Vorbereitung der Jahreskonferenz eine Diskussion zu, die in der Geschichte der DDR ohne Beispiel ist. Rund einhundertfünfzig Diskussionsbeiträge wurden in Zeitungen und Zeitschriften der DDR veröffentlicht – davon fünfunddreißig allein im Neuen Deutschland. Prominente Autoren durften im SED-Zentralorgan die kulturpolitischen Richtlinien der Parteiführung kritisieren und sich gegen die Angriffe der Funktionäre verteidigen.

Doch spätestens auf der Konferenz des Schriftstellerverbandes wurde deutlich, daß das Rückzugsgefecht der SED-Dogmatiker lediglich ein taktisches Manöver war. Die Situation erfordere, wie das Politbüromitglied Professor Kurt Hager auf der Konferenz erläuterte, „eine Änderung der Arbeitsmethoden“ im Umgang mit Schriftstellern. In der Methode gab sich die Parteiführung toleranter, in der Sache jedoch formulierte sie ihre Forderungen an die Schriftsteller härter denn je. Hager definierte den Begriff der künstlerischen Freiheit in der DDR griffig mit einem Becher-Zitat: „Freiheit ist Übereinstimmung.“ Gemeint war mit Übereinstimmung die Übereinstimmung der Schriftsteller mit den jeweiligen Agitprop-Richtlinien der Parteizentrale. Und Ziel des neuesten Agitprop-Auftrags an die Schriftsteller ist die „Schaffung von DDR-Bewußtsein“. Nationalpreisträger Jurij Brezan formulierte das so: „Es gibt aber fürs Schreiben nur einen Standpunkt, daß es eine DDR gibt und daß das für das deutsche Volk die größte Errungenschaft überhaupt ist.“ Die SED-Terminologie wurde um einen Begriff erweitert, den man bislang zum Revanchistenvokabular zählte: „Heimatliebe“. Professor Hans Koch: „Heimatliebe, ich glaube, das gehört zu den anspruchsvollsten Erwartungen unserer Gesellschaft an unsere Literatur.“

Von „Gemeinsamkeit mit den humanistischen Schriftstellern in Westdeutschland“ war in Ostberlin keine Rede mehr. Gefordert wurde der antifaschistische Schutzwall der Literatur und postuliert der literarische Alleinvertretungsanspruch der DDR. Dieter Noll, einer der wendigsten Anpasser unter den ostdeutschen Literaten, warnte seine Kollegen eindringlich vor den Machenschaften der Gruppe 47: „Machen wir uns nichts vor. Wir waren im Begriff, uns ganz schön unterwandern zu lassen.“