Florenz, im November

Es hatte den ganzen Mittwoch in Schauern und den halben Donnerstag mit gleichmäßiger Heftigkeit geregnet. Donnerstag abend fiel das Wasser, nicht mehr in Tropfenschnüren, es brach in Strähnen nieder.

Wir fuhren auf der Autostrada del Sole südlich von Florenz in Richtung Rom, um über die Ausfahrt Arezzo nach Figlie Valdarno abzuzweigen. Es war gefährlich zu überholen. Die Wagenräder warfen Wasserfächer auf, die so schwer über das Verdeck stürzten, daß sie den Wagen aus der Spur rissen. Es war aber auch gefährlich, in der eng zusammengerückten Wagenreihe auf der rechten Fahrbahn zu bleiben. Die Scheibenwischer rührten den fließenden Wasserschleier vor der Windschutzscheibe trüb, man konnte die Distanz zu den Schlußlichtern des vorausfahrenden Wagens nicht schätzen. Alle Viertelminuten stachen die roten Punkte grell aus der dunklen Flut, denn jeder trat alle hundert Meter auf die Bremse, um nicht aufzufahren. Wir überholten einen Lastzug und fuhren schnell unter der Traufe weg, die von seiner Flanke wie von einer Pflugschar aufbrach.

Vor uns war eine Überführungsbrücke, die Bahn senkte sich ein wenig gegen sie und stieg jenseits wieder an. Das Wasser, das sich in der Mulde angeammelt hatte, empfing uns mit einem Schlag und überflutete uns ganz. Wir hörten, wie der Lastzug bremste, er mußte ohne Sicht geblieben sein. Von der anderen Brückenseite fiel eine Wand von Wasser nieder. Wie wir sie durchstießen, brach unter ihrer Wucht die Windschutzscheibe ein, sie platzte zu einem milchigen Netz, das sich für einen Sekundenbruchteil nach innen bauchte, dann wurde es aufgerissen. Ein Schwall von Wasser und Glasgries schlug in den Wagen und füllte ihn halb.

Wir fuhren zur nächsten Auffahrt, ans Ende der Wagenkolonne, die auf Abfertigung wartete. Der Regen fiel jetzt so dicht und schwer, daß das Wasser auf der Fahrbahn strudelte. Man hielt uns an der Zahlsperre fest, um einen Zug der Feuerwehr vorbeizulassen, der mit Blaulicht und heulenden Sirenen ankam. Unser Motor fiel aus, wir baten unseren Hintermann, uns anzuschieben. Nach ein paar Metern sprang der Motor wieder an.

Wir bogen zu einer Unterführung der Autobahn ein. Auch hier stand Wasser, es überflutete die Kühlerhaube, wieder fiel der Motor aus. Als wir die Türen öffneten, um auszusteigen, füllte sich der Wagen mit schlammigem Wasser. Es ging uns bis zu den Hüften, als wir standen. Wir wateten zum Kontrollhaus der Autobahn zurück. Es war unmöglich, Hilfe für den Wagen zu bekommen. Man sagte uns, sämtliche Abschleppdienste der näheren Ortschaften seien bereits alarmiert und unterwegs. Wenige Minuten später war von unserem Wagen nur das Dach zu sehen.

Ein Wagen aus San Giovanni Valdarno nahm uns auf. Im Ort stand Wasser, man räumte die ebenerdigen Geschäfte aus, in die es eingebrochen war. Wir telephonierten nach Figline. Man schickte einen Wagen, um uns abzuholen. Er kam erst nach zwei Stunden. Der Fahrer berichtete, daß alle Wasserläufe über anderthalb Meter gestiegen waren. In einem Dorf, das von einem Bach durchflössen wird, hatte eine jähe Flut drei Häuser eingerissen, sieben Menschen waren unter den Trümmern erschlagen.