Donnerstag, 10. November, 21.50 Uhr, 1. Programm: "Ex Libris" (unter anderem mit einem Beitrag über "Hamburg literarisch" und einem über das "Frankfurter Forum für Literatur")

Hamburg gab sich literarisch, das berühmte Wort "Mein Sohn soll studieren, er ist für Kaffee zu dumm" wurde in Frage gestellt, man las Gedichte auf dem Rathausmarkt und Prosa in der Universität, im Atlantic tanzten korrekt gekleidete Herren, ein Romancier und Generalstaatsanwalt fungierte im Frack als Patron, und schöne Frauen zogen wie zu Thomas Manns Zeiten die Brauen hoch, wenn ihnen, den Herrinnen von Pöseldorf und von der Elbchaussee mit der spitzen Suade und den Söhnen, die zu Michaelis in der Gelehrtenschule leider wie schon so oft in Gefahr sind, den Rang eines ultimus zu belegen – wenn der baute volée von der Elbe ein hoffnungsvolles Talent vorgestellt wurde.

Man war unter sich, das Buffet schien gediegen, Felix Jud durchschwebte hanseatisch die Räume, und Heinrich Ledig-Rowohlt zeigte Kopf und Sektglas im Profil. So sah man es in "Hamburg literarisch", Jost Noltes Beitrag zu "Ex-Libris", einer von Kurt Zimmermann mit Geschmack und viel Kenntnis entworfenen Sendung, einem Film-Feuilleton, das den Lesern von Buchkritiken die geschmähten Opfer und die vernünftigen Tadler, die Autoren und das Publikum leibhaftig präsentiert. Dabei ergeben sich nicht selten aparte Kontraste, da wird der Fachjargon der Eingeweihten aufs angenehmste mit den Redensartlichkeiten der Verbraucher konfrontiert: hier Meditation über Literatur und Politik, über Zitatmontagen und agitatorische Verse, den Vietnam-Krieg betreffend, dort erfrischendes Konsumentengeplauder: "Ich lese am liebsten Schicksalsromane"; "ich will wissen, wie sie wieder, zurückfinden"; "es interessiert mich, wenn Kinder so verstoßen werden".

Schicksalsroman, das Wechselspiel von Verstoßen und Neuakzeptieren – wer, dachte ich, wer von den schönen Buchhändlerinnen, deren Weiblichkeit eine witzige Kamera von Lexikonbänden abhob, wer von den Goethe-Verzettlern (das erste Faszikel erscheint jetzt, das letzte soll im Jahr 2000 fertig sein, und dann wird nicht die schlechteste Tat des Jahrhunderts verübt sein), wer unter den Neo-Siebenundvierzigern, die unter Horst Bingels Leitung in Frankfurt agierten, wer unter den Jugendbuchverfassern ("nein, ich habe den Sex weder im Fall der Bathseba noch im Fall von Potiphars Weib unterschlagen"), wer von den Schreibenden, er sei denn Soziologe oder Verhaltensforscher, kennt schon die Nomenklatur der eifrigsten und begierigsten Leser, der jungen Mädchen zum Beispiel, die nach Büroschluß, das beginnt in der S-Bahn, ihre Schicksalsromane verschlingen? Schicksalsroman: ich habe dieses Wort noch auf keiner Tagung der Gruppe 47 gehört, und ich zweifle daran, ob es in Frankfurt fiel, wo man das Ritual der Richterschen Kongregation dergestalt variierte, daß dem Opfer zu replizieren erlaubt war. Auch hatte das Publikum Zutritt, und das war gut. Wäre man im Fall der Gruppe 47 ähnlich verfahren, wer weiß, ein so überraschender Satz wie der folgende – wäre viel-, leicht doch nicht gefallen: "Wer wagt schon, Reich-Ranicki zu widersprechen – meinen Sie etwa, Walter Jens täte ihm weh?"

Da scheint es denn wohl an der Zeit, die nächste Tagung der Gruppe 47, die Jubiläumstagung, die letzte denn wohl, die Tagung, die noch einmal unter der Devise put in your first team steht, es scheint an der Zeit, diese Tagung coram publico abrollen zu lassen – und sei es nur, um zu beweisen, daß es manchen gibt, der tollkühn ist und Reich-Ranicki widerspricht.

Das wird die Frankfurter trösten, und den Lesern des Schicksalsromans wird es gleichgültig sein. Walter Jens