Von Ben Witter

Nach der Feinmechanikerlehre mietete er in seinem Geburtsort Freiberg in Sachsen das Zimmer, wo Alexander von Humboldt gewohnt hatte, und bekam dort seinen Vortragsfimmel. Er verfaßte Sprüche. Sein erster lautete: "Meine Mutter verlor ich mit sechs, meinen Vater mit zwölf, und mein Lehrchef war der erste Lehrling meines Vaters; er zahlte mir alle Schläge, die er von ihm bekommen hatte, doppelt heim. Mußte das sein?" Er heißt Günther Osterland.

Später tippelte er nach Leipzig, kam bei der Firma Petzold unter und machte sofort wieder einen Spruch, als er hörte, daß der Werkmeister erster Gehilfe seines Vaters gewesen war. Der erste Lehrling seines Vaters war inzwischen sein Vormund geworden. Er pflegte seine Sprüche musikalisch zu umrahmen und blies eine Okarina. Bei seinen Vorträgen trug er eine weiße Weste.

Mit drei Dreipfennigsbriefmarken traf er 1901 zu Fuß über Wilhelmshaven – 18 Monate hatte er bei der Kriegsmarinewerft gearbeitet – in Hamburg ein, kaufte sich dafür im "Eichholz" ein großen Stück Butterkuchen und ging anschließend zu der Kompaßfirma C. Plath am Stubbenhuk, die ihn gleich dabehielt.

Bald danach hatte er Schillers "Glocke" in sein Vortragsprogramm aufgenommen. Die größten Erfolge erzielte er jedoch jeden Sonnabend mit der "vorschriftsmäßigen Darstellung des Charakters und der Form der Moleküle". Er ahmte einen Professor an einem Mädchengymnasium nach. Der Gastwirt draußen in Horn duldete diese Nummer, weil der Feinmechaniker Osterland sich eher in der Welt eines Lehrers auskennen mußte als ein schlichter Handwerker.

Auf dem nächtlichen Heimweg von einem Vortragsabend bemerkte er plötzlich, wie ein Mädchen von drei Männern belästigt wurde. Geistesgegenwärtig ergriff er ihren Arm, die Männer machten kehrt. Ein herzförmiges Medaillon an einer goldenen Kette des Mädchens erregte seine Aufmerksamkeit. Er sagte: "...was in Ihrem Herzen erst vorgehen mag." Das Mädchen fürchtete, er wolle ihr das Medaillon stehlen. "Sie sind ja aus Sachsen!" rief Osterland. In Nietleben bei Halle war sie geboren. Osterland sagte, sie brauche keine Angst vor ihm zu, haben. "Ich bin Einzelgänger und Romantiker und stehe den Frauen feindlich gegenüber." Neun Monate dauerte es, bis sie sich zum erstenmal, auf einer Bank in den Wallanlagen, duzten. Dann besuchte Osterland ihren Vater. Sie unterhielten sich über die Schwindsucht.

Ihr ständiges Ausflugsziel war Friedrichsruh. Osterland hatte sich zur Hochzeit einen Photoapparat 13 X 18 mit sechs Doppelkassetten gekauft und photographierte seine Frau an allen denkwürdigen Stätten des Bismarckschen Besitzes. Das sahen die anderen Besucher und wollten ebenfalls geknipst werden. Sein Honorar lag zehn Prozent unter dem der Berufsphotographen. Durch die Mitwirkung seiner Kinder zog er später immer mehr Interessenten an. Osterland beschloß, seine Neigungen und Talente zusammenzufassen. Tagelang hatte er vom Fenster eines Lokales aus den Kundenverkehr in dem Laden Clemens-Schultz-Straße 94, Ecke Annenstraße, beobachtet. Da konnte er Zeitungen verkaufen und Annoncen annehmen, seine Sprüche drucken lassen und in den Handel bringen, eigene Photos in Serien auflegen und in Schaukästen ausstellen. Die Papierwaren hatte er in Kästen und Fächern unter völliger Raumausnutzung schneller zur Hand als sein Vorgänger. Sieben Stufen führten zur Ladentür, im Keller lag die Wohnküche mit Nebenräumen, sie grenzten an die Gewölbe der ehemaligen Pesthofkirche.