Wohin führt die Wissenschaft? Neun Gespräche mit deutschen Gelehrten. Gesprächspartner: Eckart Heimendahl. Bremer Beiträge, Band VIII. Verlag B. C. Heye & Co., Bremen. 160 Seiten, 7,15 DM.

Auf die neunmal von Eckart Heimendahl gestellte und vielfältig aufgefächerte Frage: "Wohin führt die Wissenschaft?" antworten je zwei Philosophen, Soziologen und Physiker, sowie je ein Mediziner, Jurist und Biochemiker. Das Symposion der Gelehrten wird zu einer unüberhörbaren Demonstration für die Einheit der Wissenschaft, anders ausgedrückt: für die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Disziplinen. Übergeordnete Fragen können nur von mehreren gemeinsam gelöst werden. Sie müssen auch ihre Methoden integrieren. Mag auch, zunächst manch Geisteswissenschaftler über den "Einbruch" von Methoden, die es "mit dem Messen zu tun haben", klagen und sich gegen diesen Einbruch mit dem Urteil wehren: wer solche Methoden anwende, der sei seiner Auffassung nach kein Geisteswissenschaftler – die Wissenschaft wird eben mehr und mehr zu einer Einheit, trotz aller Spezialisierung.

Ein Soziologe variiert die Titelfrage in: "Wohin darf die Wissenschaft uns führen?" Ein Philosoph gibt entsprechend zu bedenken, "welche der uferlosen Möglichkeiten wahrer Sätze, techrischer Möglichkeiten denn nun (für den Menschen) gut sind". Ein Physiker nennt Wissenschaftliche Konferenzen und Gesellschaften, die sich nicht um die Wissenschaft, sondern um ihre Folgen kümmern (in Deutschland: "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler").

Jeder denkt da zunächst an die Folgen der Atomphysik. Aber keineswegs nur sie führt in gefährliche Bereiche. Ein Physiker warnt: "Ich finde, eine der abscheulichsten Auswirkungen der modernen Forschung ist das, was die Biologen jetzt für möglich halten, daß man durch geplantes Vorgehen, zum Beispiel mit Hilfe von Mutationen Änderungen des Menschen in einer bestimmten Richtung erzeugen kann." Ein Philosoph warnt ebenso vor biologischen Eingriffen, die "in gewisser Weise tiefere Eingriffe sind als die, welche die Physik gemacht hat". Ist das nun der gefährlichste Bereich? Der Philosoph meint, die Verantwortung der Wissenschaft erreiche eigentlich erst dann ihre Spitze, "wenn man ins menschliche Leben nicht mehr durch Waffen einzugreifen braucht, und nicht mehr vom Biologischen her, sondern an den Stellen, wo der menschliche Wille unmittelbar gesteuert wird". Sind wir reif dafür? Diese Frage läßt uns nicht los bei der Gratwanderung an der Hand von Carl Friedrich von Weizsäcker, Arnold Bergsträsser, Werner Heisenberg, Paul Lorenzen, Hans Paul Bahrdt, Wolfgang Bargmann, Eberhard Menzel, Adolf Butenandt, Max Born.

Die kleinste deutsche Rundfunkanstalt hat einen Kreis ausgezeichneter Gelehrter zusammengebracht. Alle Achtung! Die Gespräche kamen bei Radio Bremen zu guter Abendstunde und wurden von vielen anderen Sendern ganz oder teilweise wiederholt. Nachdenklich gelesen, eignen sie sich vielleicht noch besser als Anregung zum Nachdenken, etwa über die Fragen: Sind wir reif dafür? Bedenken wir unsere Verantwortung für die Wissenschaft und ihre Folgen? Tun das unsere Politiker?

Fritz Eberhard