In Ludwig Erhards formierter Gesellschaft formierten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer im letzten Winter zu einer innigen Interessengemeinschaft. Was die IG Bau, Steine und Erden auch in seligen Zeiten der Hochkonjunktur noch nicht einmal zu träumen wagte, nämlich eine 50prozentige Lohnerhöhung, das bewilligten manche Bauunternehmer ihren Arbeitern freiwillig. Freilich: Es war nicht ihr Geld, das Bau-Bosse zusätzlich als "Prämie" in die Lohntüten legten, sondern es stammte aus dem Wintergeld-Etat der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung; und sie verstießen dabei gegen bestehende Strafgesetze.

Mitte Oktober trafen Berichte einer 16köpfigen Kommission und der Landesarbeitsämter in Nürnberg ein, die den Präsidenten der Bundesanstalt, Anton Säbel, veranlaßten, Alarm zu schlagen. Auf seiner monatlichen Pressekonferenz am 7. November unterrichtete er die Öffentlichkeit von den Ergebnissen einer Sonder-Überprüfung von 27 200 Baubetrieben im ganzen Bundesgebiet. Es war offenkundig geworden, daß die Bauwirtschaft im vergangenen Winter 1965/66 1,1 Millionen Mark an sogenanntem "Schlechtwettergeld" unrechtmäßig bezogen hat. Fast die Hälfte der Schadensumme wurde von insgesamt 450 Baufirmen durch vorsätzliche Manipulation von Abrechnungslisten erschwindelt. "Dieses Verhalten kann man nur als Betrug bezeichnen", sagte Säbel. Und folgerichtig hatte er seinen Arbeitsämtern die Zusammenarbeit mit dem Staatsanwalt nahegelegt. Tags darauf sprachen die deutschen Zeitungen von einem Skandal.

Als das Bundesarbeitsministerium 1959 die Novelle über die "Förderung der ganzjährigen Beschäftigung in der Bauwirtschaft" zum "Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung" (AVAVG) vorlegte, hatte man zweierlei Ziele im Visier: Einmal wollte man die Bauarbeiter im Winter von den Stempel-Schaltern der Arbeitsämter wegbringen und sie zu größerer Betriebstreue ermuntern; zum anderen sollten die Baufirmen, nicht zuletzt auf Grund der hochkonjunkturellen Auftragslage, zu ganzjähriger kontinuierlicher Tätigkeit und intensiveren Bauleistungen angespornt werden. Mit Hilfe des Winterbaues hoffte die Bauwirtschaft zudem, ihre modernen und immer kostspieligeren Maschinen, die bisher im Winter weitgehend als totes Kapital brachlagen, besser ausnützen zu können.

Die Gesetzesnovelle, die am 1. Dezember 1959 in Kraft trat, bedachte alle am Bauen Beteiligten mit Geld in Form von Zuschüssen und niedrig verzinslichen Darlehen:

  • die Arbeitgeber (um Baustellen winterfest auszurüsten);
  • die Arbeitnehmer (zum Beispiel für winterliche Arbeitskleidung);
  • die Bauherren (als Ansporn für Winter-Bauaufträge).

Im Winter 1964/65 gab die Bundesanstalt für die Winterbauförderung 64,5 Millionen Mark aus.

Mit den insgesamt drei Milliarden Mark, welche die Bundesanstalt seit 1959 an die Bauwirtschaft bezahlt hat, wurde tatsächlich eine Stabilisierung und Umstrukturierung des Arbeitsmarktes erreicht. In den folgenden Jahren stieg die Arbeitslosenzahl in den Wintermonaten nicht mehr so stark an wie bisher, die Baufirmen hielten ihr Personal, die Bundesanstalt wir einen Großteil der winterlichen Stammkunden für das Arbeitslosengeld los und konnte überdies eine Verwaltungsvereinfachung verzeichnen; denn in die Verwaltung des Wintergeldes waren die Baufirmen selbst beträchtlich eingeschaltet. Wie sich indes jetzt herausstellte, bedeutete die Verwaltungsvereinfachung gleichzeitig eine bedenkliche "Vereinfachung" der Moral bei manchen Bauunternehmern.