Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945–1947. Herausgegeben von Eberhard Pikart. Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen. 244 Seiten, 12,80 DM.

Der Tod hat Theodor Heuss die Feder aus der Hand genommen, bevor er seine Erinnerungen zu Ende schreiben konnte. Die aus seinem Nachlaß herausgegebenen und hier vorliegenden Aufzeichnungen hätten wohl die Grundlage für denjenigen Teil seiner Autobiographie gebildet, der die ersten Nachkriegsjahre behandelt hätte.

Dankenswerterweise hat Eberhard Pikart aus genauer Kenntnis der Lebensumstände von Theodor Heuss eine Einleitung geschrieben, aus der wir erfahren, wie Heuss nicht nur seit 1945, sondern auch in den letzten Kriegsjahren gelebt hat. In Heidelberg wohnten Theodor und Elly Heuss in zwei Dachstuben. Dort unterhielt er sich mit Freunden, mit Karl Jaspers, Fritz Ernst, Gustav Radbruch, Willy Hellpach, Willy Andreas, Peter Rassow, Alfred Weber.

Heuss wußte, daß der Krieg verloren war. Als die Amerikaner kamen, hätte er gern wie früher für Tageszeitungen geschrieben, aber es gab keine. So legte er seine Gedanken in Tagebuchform nieder. Ihn beschäftigte damals die Überlegung, wie man der zu erwartenden Rechtfertigungslegende der überlebenden Nationalsozialisten entgegentreten könne. Seine Gedanken sind uns heute ein wenig ferngerückt, aber sie behalten ihren Wert als Dokument der Zeit. Eine größere Aufgabe bot sich ihm an, als er im Septembe? Lizenzträger der "Rhein-Neckar-Zeitung" wurde. Bald wurde er dann Kultusminister in Stuttgart. Als eine amerikanische Abordnung ihm das Amt antrug, klopfte er gerade Teppiche. Auf die Frage, ob er annehme, antwortete er: "Ja, wenn Sie mir für ein Dienstmädchen sorgen."

Von den abgedruckten Aufzeichnungen wirkt besonders stark der Leitartikel über das Ende der deutschen Wehrmacht. Heuss sah als ihr Verhängnis die Selbstbesudelung durch das Bündnis mit Hitler, als sein Symbol den Generalfeldmarschall Keitel, dessen Subalternität etwas Verächtliches gehabt habe.

1946 hielt Heuss eine Ansprache über "Bindung und Freiheit", in der er in bewegenden Worten von seinen Freunden die "heilige Nüchternheit" forderte, von der Hölderlin gesprochen hätte. In Berlin sprach er über die deutsche Zukunft. Zwei schöne Sätze bleiben haften: "Die Welt würde ärmer sein und ärmer werden ohne den schöpferischen Geist der Deutschen. Wir wurden arm ohne die Welt."

Das Buch wird dazu beitragen, den Namen des ersten Bundespräsidenten lebendig zu erhalten im deutschen Volke. G. G.