München

Der Fall Brühne gehört seit Jahren zu den Erfolgsschlagern der Publizistik in deutschen Landen. Am 4. Juni 1962 wurden Vera Brühne und Johann Ferbach vom Münchner Schwurgericht wegen Doppelmordes, begangen an dem Arzt Dr. Otto Praun und seiner Haushälterin Elfriede Kloo, zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Seither ist die Diskussion nicht verstummt, ob das auf Indizien gegründete Urteil gerecht war. Die Verteidiger betreiben geschickt die Wiederaufnahme des Verfahrens, und was sich im Verlauf ihrer Bemühungen ereignet, liefert immer wieder Stoff für Schlagzeilen.

Die Illustrierten drehten den Fall Brühne durch ihre Mühlen, Bücher sind erschienen, und das Zweite Deutsche Fernsehen wird in einem schon fertiggestellten Dokumentarspiel, voraussichtlich im kommenden Februar, die "Bestandsaufnahme des Falles Brühne" über die Bildschirme flimmern lassen.

Mit Argusaugen werden die Schritte der bayerischen Justiz verfolgt. Sie hat im Fall Brühne nicht immer die beste Figur gemacht. An der Spitze der kritischen Beobachter reitet der Autor glänzender Kriminalromane, die sich durch wirklichkeitsnahen Rahmen auszeichnen: Frank Arnau. Der in München lebende Schriftsteller, früher Generalvertreter einer bedeutenden deutschen Automobilfirma in Südamerika, treibt Krimonologie an Realfällen der Zeitgeschichte als Altershobby. Kein Wunder, daß bayerische Juristen seine Phantasieromane für besser halten als seine ätzenden Leitartikel in der Münchener "Abendzeitung". Auch in einem Buch nahm Arnau eine "Autopsie des Brühne-Urteils" vor, und nicht ohne Stolz teilt er in einem Privatdruck mit, daß "keine der durch meine äußerst schwerwiegenden Feststellungen betroffenen Personen einen Widerspruch riskierte. Meine Dokumentation ließ sich nicht dementieren." Arnau schreibt in der Hoffnung, daß vom Fall Brühne eine "reinigende Strömung ausgehen möge, welche alle miserablen Praktiken hinwegfegt, die einer rechtsstaatlichen Rechtspflege unwürdig sind".

In der Tat, es gab im Fall Brühne nicht wenig Fehler und Pannen.

Schon die Kriminalbeamten am Fundort der Leichen waren im April 1960 mit geradezu krimineller Leichtfertigkeit vorgegangen und hatten mehr Spuren verwischt als gesichert. Auf Zeugen und Indizien angewiesen, kam das Schwurgericht trotzdem zur Uberzeugung, Vera Brühne sei schuldig geworden. Sie habe gefürchtet, ein ihr testamentarisch vermachtes Anwesen in Spanien habe Otto Praun verkaufen wollen, woraufhin sie – um den Verkauf zu verhindern und sich das Erbe zu sichern – Johann Ferbach raffiniert zum Mord anstiftete. Daß die, vor Gericht zudem widerrufene, Aussage der Tochter Vera Brühnes und die Zeugenaussagen des mehrfach vorbestraften Betrügers Siegfried Schramm (demgegenüber Ferbach in der Zelle den Mord gestanden haben soll) eine entscheidende Belastung für das "Lebenslänglich" darstellen, gab auch Unbeteiligten ein ungutes Gefühl.

In der Öffentlichkeit wurden die verwegensten Kombinationen und phantasievollsten Beobachtungen über den Mordfall begierig aufgenommen. Von dunklen Waffengeschäften des Arztes war die Rede, und es meldete sich eine Zeugin, die Praun noch lebend gesehen haben will, als er nach dem Gerichtsurteil schon längst hätte tot Sein müssen. Eine andere Zeugin, von der Staatsanwaltschaft präsentiert, widerlegte diese Angabe. Sie verfing sich aber in den engen Maschen wahrheitsgetreuer Wiedergabe von jahrelang zurückliegenden Geschehnissen. "Während die Staatsanwaltschaft ihrer Zeugin sanft einräumt, sie habe sich nur geirrt, forderte sie für die Zeugin der Verteidigung eine Gefängnisstrafe, denn diese Zeugin habe nicht geirrt, sondern absichtlich falsch ausgesagt", moniert Frank Arnau das Vorgehen der Gesetzeshüter.