Brione/Tessin, im November

Nun steht es also fest: der Kanzlerkandidat der CDU/CSU heißt Kurt Georg Kiesinger. Wen ein ärztliches Verdikt ausgerechnet jetzt auf einen einsamen Schweizer Berg verbannt hat, wo es weder Fernsehen gibt noch die Möglichkeit des Meinungsaustausches, wer also die Überlegungen, die zu diesem Beschluß geführt haben, im einzelnen nicht miterlebt hat, der ist aufs äußerste betroffen.

Die erste Reaktion: Dann hätten wir auch gleich Erhard behalten können. Denn dies wäre ja nur in der Form ein Neubeginn; in der Substanz wäre es so, als sei auf Anthony Eden Anthony Eden gefolgt.

Zweite Reaktion: Dann hätte man schon besser gleich Strauß selbst vorschlagen sollen. Dann wüßten wenigstens alle Bürger, von wem sie wirklich regiert werden. Es ist ja nicht von ungefähr, daß die CSU nicht den Außenminister Schröder unterstützte, eine profilierte Persönlichkeit, deren Einstellung und und Durchsetzvermögen jedermann kennt, sondern Kiesinger, der seit 1958 fern der politischen Zentrale lebt und der daher weder zu außenpolitischen Fragen noch zum Deutschlandproblem noch zur finanzpolitischen Misere im Bund Stellung beziehen brauchte.

Gewiß, Kiesinger ist ein ehrenwerter Mann, gebildet, weltläufig, souverän, ohne Komplexe und Verklemmungen – die britische Königin fand ihn weit angenehmer als alle anderen Politiker, die sie in der Bundesrepublik traf. Aber Kiesinger ist kein starker Mann. Er ist bequem, und manche Leute, die es beurteilen können, meinen, das Trägheitsmoment hindere ihn an nachhaltiger Aktivität.

Dritte Reaktion: Ich bin überzeugt, daß der ehemalige Parteigenosse Kiesinger als Referent im Büro Ribbentrop nichts Böses getan hat. Ja, daß der Nazismus seinem ganzen Wesen eher zuwider gewesen ist. Aber in unserer Situation gibt es Dinge, die sich einer ausschließlich objektiven Beurteilung entziehen, weil emotionale Assoziationen stärker wirken als reale Fakten. Und eben darum gibt es Fragen, die man gar nicht erst stellen sollte. Beispielsweise diese: "Ist es vertretbar, daß jemand, der von 1933 bis 1945 Parteigenosse war, 1966 in der Bundesrepublik Kanzler wird?"

Eine solche Frage überhaupt stellen, heißt sie sogleich auch verneinen müssen; denn man kann doch nicht jedesmal die entlastende Dokumentation mitliefern. Ganz abgesehen davon, daß die Vorstellung bedrückend ist: daß jetzt jemand an die Spitze der Regierung in Bonn berufen werden soll, der sich formal vom ersten bis zum letzten Jahr mit dem Tausendjährigen Reich identifiziert hat oder mindestens sich von ihm nicht sichtbar distanzierte. Gibt es denn zwanzig Jahre nach dem Untergang Hitlers tatsächlich niemanden, den man herausstellen kann, auf den nicht der Schatten jener unseligen Epoche gefallen ist? Was für ein Armutszeugnis für eine große Partei!