Von Kurt Becker

Die Unionsparteien setzen alles daran, ihre Machtposition in Bonn zu retten. Bei ihnen erwachen Energien, wie oft bei Bedrängten, die sich erst zu letzter Kraftanstrengung aufraffen, wenn ihnen das Wasser am Halse steht. Nur fragt es sich, ob es für die CDU/CSU nicht schon zu spät ist, ihren Führungsanspruch zu behaupten – trotz des entschlossenen Auftretens ihres Kanzlerkandidaten Kurt Georg Kiesinger. Entscheidend ist, ob SPD und FDP die Union überhaupt noch als regierungsfähig betrachten oder ob sie lieber einer linken Koalition den Vorzug geben.

Kiesinger kann deshalb nur mit Vorbehalt als aussichtsreicher Kanzlerkandidat der CDU/CSU angesehen werden. Er selber fühlt sich eher als "Treuhänder", dem es aufgegeben ist, erst einmal eine Regierungsmehrheit zu suchen. Zu Recht, denn was geschähe, wenn Kiesingers Versuch einer Regierungsbildung an der Unvereinbarkeit der politischen Ziele scheiterte, ohne daß eine sozialliberale Koalition zwischen SPD und der FDP zustande käme? Wird die Union sich dann ihrem Schicksal ergeben, oder wird sie nach einem anderen Manne Ausschau halten – und nach wem?

Wie Willy Brandt ist auch Kiesinger einstweilen nur ein "Schattenkanzler".

Seine Wahl hat die Union nicht aus ihrer inneren Schwäche befreit. Als wären die Jahre unter Ludwig Erhard spurlos an ihr vorübergegangen, ist sie wiederum ihrem alten Hang erlegen, allein auf die Wirkung nach außen bedacht zu sein. Statt ihre Führungskrise dadurch zu überwinden, daß sie ihre Gegensätze sauber austrug, entschloß sich die Union abermals für einen Mann des Kompromisses, dessen Talent sie in erster Linie mit der Elle des Wahlkampferfolges mißt. Kiesinger versteht zu glänzen und Vertrauen zu verbreiten, doch auf seine Wahl fällt der Schatten der Verlegenheit. Die Partei suchte einen Ausweg, nicht eine Lösung.

Wieder nur ein Übergangskanzler? Die Kandidatenauslese mit all ihrem Drum und Dran hat es zur Gewißheit werden lassen, daß die Union ihre Wahl erst noch treffen muß. Eines Tages wird sie sich für eines ihrer beiden bedeutendsten Führungstalente entscheiden müssen: für Schröder oder Strauß. Das würde sich sehr schnell zeigen, wenn die CDU/CSU aus der Regierung werbannt würde und ihren Oppositionsführer zu wählen hätte.

Wer hat schon Erhards Sturz betrieben, um statt seiner Kiesinger zu küren? Gewiß niemand. Deshalb stellt sich die Frage, ob ein Kanzler Kiesinger im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf die volle Loyalität der Unionsfraktion rechnen dürfte.