Das ist einmal eine personelle Frage. Kiesinger wird weder an Strauß vorbeiregieren können, der ihm mit dem Stimmenpaket der CSU zur Nominierung verholfen hat, noch an Schröder, dessen festgefügter Stimmenblock viele seiner Gegner verblüffte. Er wird sich auf beide stützen, sich mit beiden akkordieren müssen; denn seine Macht ist nur geliehene Macht. Zum anderen sind da die sogenannten Sachfragen. Die personellen Rivalitäten in der CDU/CSU spiegeln nur die Zerrissenheit der Fraktion in der Sache wider. Deshalb sind personelle Probleme von den politischen Richtungsfragen nicht zu trennen.

Kiesingers Aufgabe wird dadurch weiter erschwert, daß er sich in fast allen Bereichen der Innenpolitik, der Außenpolitik und der Deutschlandfrage zu gründlicher Neuorientierung entschließen muß, wenn er überhaupt einen Koalitionspartner finden will. Am vorigen Wochenende hat er eine "harte Politik" angekündigt. Noch weiß niemand, was das konkret heißen soll.

Wird das bisherige Konzept der Union durchdacht und in wesentlichen Teilen neu formuliert? Hat die Unionspartei also einen Blankoscheck unterschrieben, als sie Kiesinger aufstellte? Keiner vermag mit Gewißheit vorauszusagen, welche Politik er einzuschlagen wünscht – außer daß er ein freundlicheres Verhältnis zu Frankreich sucht. Der Kanzlerkandidat steht vor einem persönlichen, die Partei vor einem politischen Experiment, dessen Ausgang völlig ungewiß ist.

Die Krise der Union ist also in keiner Weise gelöst. Das wird auch die Überlegungen in der SPD und in der FDP über eine Koalition beeinflussen. So ist es jedenfalls zu erklären, daß die beiden Oppositionsparteien noch nicht daran denken, aus ihrer bisherigen Reserve herauszutreten; sie wollen ihre Handlungsfreiheit nicht preisgeben. Erst nach der bayerischen Wahl am kommenden Sonntag wird das Koalitionskarussell wieder in Gang kommen. Nur soviel scheint heute sicher:’ daß die Anziehungskraft der Union nicht größer geworden ist.

Die Möglichkeit einer sozial-liberalen Koalition zwischen SPD und FDP steht mindestens gleichwertig neben der Möglichkeit, daß das alte Regierungsbündnis zwischen der Union und der FDP fortgesetzt wird. Wohl stünde die linke Koalition wegen ihrer hauchdünnen Mehrheit von nur drei Abgeordneten bei der Kanzlerwahl vor einigen Schwierigkeiten. Anderer Art, aber nicht minder gravierend wären die Probleme, die bei einer neuen Koalition zwischen den Liberalen und der Unionsfraktion aufträten: In der Außenpolitik, in der Deutschlandfrage und in den Finanzfragen wäre schwerlich Einigung zu erreichen. Wollte Strauß ins Kabinett, so könnte das ein weiteres Hindernis auftürmen, wenngleich es vielen FDP-Politikern heute nicht mehr unüberwindbar erscheint.

Daß in diesen Tagen der völligen Ungewißheit und der fragwürdigen Mehrheiten der Gedanke an eine Große Koalition neue Freunde gefunden hat, ist nicht zu leugnen; es kann auch nicht verwundern. In beiden großen Parteien sehnen viele Abgeordnete ein solches Bündnis herbei. Sie unterliegen der verführerischen Annahme, daß allein schon eine breite Mehrheit alle Probleme der Außen- und Deutschlandpolitik lösbar mache. Verfassungsändernde Gesetze und die Bewältigung der Finanzmisere sind für sie dann eigentlich nur noch eine technische Frage. Die Anhänger der Großen Koalition setzen ihre Hoffnung darauf, daß für die großen Entscheidungen auch dann noch eine ausreichende Mehrheit zu gewinnen sei, wenn auf der einen wie auf der anderen Seite wechselnde Minderheiten ihrer Führung die Unterstützung versagen würden – etwa die CSU. Doch die Idee einer Großen Koalition allein reicht nicht aus, um die tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zu überbrücken.

Auf welcher Grundlage wollten sich die beiden großen Parteien schon treffen? Auf der des sozialdemokratischen Acht – Punkte – Programms, das am letzten Wochenende beschlossen worden ist? Für die CDU wäre das schwerlich annehmbar. Auf der Basis des "Großen Entwurfs" von Franz Josef Strauß? Es ist nicht zu sehen, wie sich die SPD darauf einlassen könnte. So ist denn die Wahrscheinlichkeit groß, daß SPD und CDU/CSU zu einem unverbindlichen Allerweltsprogramm ihre Zuflucht nähmen.