Statt politischer Richtungsentscheidungen wären von einem solchen Bündnis nur breiige, konturenlose Entschlüsse zu erwarten. Stünde unser Land vor großen Entscheidungen über seine nationale Zukunft, so wäre die Große Koalition oder das Allparteien-Kabinett selbstverständlich. Aber von einem nationalen Notstand kann keine Rede sein. Selbst eine befristete Suspendierung der parlamentarischen Demokratie wäre nicht zu rechtfertigen.

Sogar ein früher so leidenschaftlicher Fürsprecher der Großen Koalition wie Herbert Wehner, hängt ihr nur noch aus prinzipiellen Sachgründen an. Seitdem die FDP für die SPD bündnisfähig geworden ist, haben sich die machtpolitischen Interessen geändert. Zum ersten Male seit siebzehn Jahren läuft die CDU daher Gefahr, daß ihr die Macht in Bonn entrissen wird. Sie selbst trüge daran die Schuld – weil sie sich im Kulissenspiel verlor und Loyalität vermissen ließ; weil sie sich nicht zu einer Anpassung an die weltpolitischen Veränderungen durchringen konnte; weil sie die Schleusen des Haushalts nicht beizeiten geschlossen hat und sich den Interessengruppen unterwarf.

Oppositionspartei zu werden, ist ein Alptraum für die Union. Sie fürchtet die weitere Auszehrung, obwohl dahingestellt bleiben muß, wo die Partei sich rascher erneuern und sammeln könnte – ob in der Regierung oder außerhalb. Doch noch hat die Union nicht alle Chancen verspielt. Nur wird es mit Verhandlungsgeschick allein nicht mehr getan sein. Es bedürfte vielmehr einer neuen Politik, die erstens von Kiesinger entworfen, zweitens von der CDU/CSU gebilligt ist und für die drittens eine Mehrheit gefunden werden kann. Sonst wird der künftige Kanzler Willy Brandt heißen.