Noch keine Klarheit über eine neue Koalition

Von Robert Strobel

Bonn im November

Die Bonner Prognosen über den Ausgang der Koalitionsverhandlungen sind vager denn je. Die Überraschungen der letzten Tage mahnen zur Vorsicht: Die Wahl Kiesingers, hauptsächlich auf Kosten Barzels, der weit hinter Schröder zurückfiel; die Annäherung zwischen FDP und SPD, die freilich nicht so weit ging, daß die SPD bereits einen Kanzlerkandidaten nominierte, was man in den Wandelgängen des Bundeshauses erwartet hatte.

Eine Überraschung war es auch, daß Gerstenmaier auf seine Kandidatur verzichtete. Er war allerdings vorher mit Kiesinger übereingekommen, daß sie einander nicht im Wege stehen würden. Als sich dann die CSU einen Tag vor der Wahl für Kiesinger aussprach, wußte Gerstenmaier, daß er keine Chance mehr hatte und zog seine Kandidatur zurück.

Barzel tat es nicht. Und doch hatte ihm Adenauer durch einen prominenten Vertreter der Union mitteilen lassen, er würde ihm raten, im Amte des Fraktionsvorsitzenden zu bleiben. Einige Tage vorher allerdings hatte Adenauer Barzel einen Brief geschrieben, in dem er ihm sein Vertrauen versicherte, ihn also zu der Kandidatur ermunterte. Vielleicht tat er das aus Verärgerung über Gerstenmaiers Inaktivität. Wenige Tage später aber wußte Adenauer in seiner Rhöndorfer Abgeschiedenheit besser als mancher CDU-Abgeordnete, der sich im Bundestagsgetriebe für besonders gut informiert hielt, daß Barzel keine Chance mehr hatte. Deshalb widerrief Adenauer, was er in jenem Brief geschrieben hatte. Gefolgsmänner Barzels verschwiegen jedoch diese Wendung. Sie taten so, als wäre jener Brief Adenauers eben erst abgefaßt worden. Mit dieser Darstellung gingen sie unter den Abgeordneten der Union auf Stimmenfang. Barzel selbst scheint noch kurz vor der Wahl sehr optimistisch gewesen zu sein.

Adenauer, noch nicht ganz von einer Bronchitis genesen, erschien trotzdem zur Wahl. Ging es ihm mehr darum, Schröders Chancen zu beeinträchtigen (obwohl ja Reden über die Kandidaten weder im Vorstand noch in der Fraktion zugelassen waren), oder wollte er sich das Schauspiel der endgültigen Entmachtung Erhards nicht entgehen lassen, die rascher gekommen war, als er sie ihm einst prophezeit hatte?