Ein Bischof strafte einen hohen Staatsfunktionär Lügen – so geschehen in diesen Tagen in der DDR. Hans Seigewasser, der Ostberliner Staatssekretär für Kirchenfragen, hatte in der vergangenen Woche im Ost-CDU-Organ "Neue Zeit" behauptet, zwischen Staat und Kirche bestehe ein "normales und vertrauensvolles Verhältnis". Zum 450. Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlages und zum Wartburgfest im nächsten Jahr schrieb Seigewasser weiter: "Die historischen Ereignisse, die wir mit diesen Jubiläen verknüpfen, gehören zur progressiven humanistischen und revolutionären Tradition unseres Volkes." Die Reformation ist demnach ein historischer Bestandteil der DDR, Martin Luther ein "volkseigener" Reformator.

Doch schon einen Tag nach Erscheinen seines Artikels mußte sich Seigewasser von Kirchenmännern belehren lassen, daß die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Kein geringerer als der Greifswalder Bischof und höchste Repräsentant der evangelischen Kirche in der DDR, Friedrich Wilhelm Krummacher, korrigierte den Staatssekretär.

In seinem Jahresbericht vor der Synode der Pommerschen Landeskirche beklagte er die Mauer-Politik Ostberlins gegenüber der Evangelischen Kirche Deutschlands und zieh die SED einer hemmungslosen atheistischen Kampagne. Krummacher, der sich noch nie scheute, die staatlich sanktionierte Kirchenfeindschaft des DDR-Regimes öffentlich anzuprangern, sagte wörtlich: "Wir können schlechterdings nicht verstehen, warum die kirchenleitenden Männer, die in der Bundesrepublik von rechtsextremen Kreisen beschimpft werden, gleichzeitig in diskriminierender Weise als ‚in der Hauptstadt der DDR unerwünscht‘ zurückgewiesen und am brüderlichen Gespräch mit uns gehindert werden. Wir können die einheitliche kirchliche Gemeinschaft nicht aus säkularen Gründen aufgeben oder spalten lassen, ohne dadurch an der Einheit und Gemeinschaft des Evangeliums schuldig zu werden."

Daß sich seit dem Herbst 1965 – mit der Wahl von Präses Scharf zum Bischof für Berlin-Brandenburg und der Friedensdienst-Erklärung der DDR-Kirche – das Verhältnis zwischen Staat und Kirche verschlechtert hat, bewies Krummacher am Beispiel der atheistischen Umerziehungserfolge in Pommern. Allein in Stralsund ging die Zahl der kirchlichen Amtshandlungen um 75 Prozent zurück; 2200 Kirchenräume mußten in staatliche Institutionen vermietet werden. Zudem werden Christen, vor allem im Bereich der Schule, unter Gewissensdruck gesetzt.

Der Bischof fuhr fort: "Dazu kommt als eine der schwersten und bedrückendsten Lasten die zunehmende Propaganda des Hasses und des Freund-Feind-Denkens vom Kindergarten an bis zur Hochschule und Armee. Eine christliche Gemeinde, der von ihrem Herren Christus gelehrt ist, ihre Feinde zu lieben, kann dazu nicht schweigen. Wir können daher dem Satz, daß Humanismus bedeute, miteinander zu leben, nicht einfach zustimmen weil er diese schweren und bedrückenden weltanschaulichen Gegensätze verharmlost." Krummachers Kritik gipfelte in den Worten: "Wir müssen einfach feststellen, daß das eine mit dem Sinn der Verfassung der DDR nicht zu vereinbarende Beeinträchtigung und Behinderung des kirchlichen Lebens darstellt."

In der DDR herrscht wieder einmal Frostwetter. Und schon immer ist es die Kirche gewesen, die den einigen Wind zuerst zu spüren bekam. Da wird es dem Staatssekretär Seigewasser schwerfallen, der Welt glauben zu machen, die "nationalen Jubiläen 1967 werden unterstreichen, daß nur die DDR die Berechtigung zur Wahrung des progressiven nationalen Erbes unseres Volkes besitzt".

Walter Ulbricht als Bewahrer und Vollender des Werkes, das den Namen des Reformators Martin Luther trägt? Der Alltag der Kirche Luthers in der DDR zeigt einen ganz anderen Ulbricht. D. St.