• "Französische Spielkarten des XX. Jahrhunderts" (Bielefeld, Deutsches Spielkarten-Museum): Im Zentrum der Stadt baut Philip Johnson den Bielefeldern das modernste Museum der Bundesrepublik, über der Stadt in der Sparrenburg ist das kleinste deutsche Museum untergebracht, das Spielkarten-Museum, das Mekka der Kartenspieler. In dem einen der beiden Räume kann sich der Besucher an exquisiten Beispielen aus spielfreudiger Vergangenheit delektieren, in dem zweiten an den neuesten Pariser Kreationen. In Frankreich sind sich auch prominente Maler nicht zu gut, Spielkarten zu entwerfen; der Witz besteht darin, das traditionelle Kartenbild zu respektieren und zeitgemäß zu verändern. Das Glanzstück stammt von Sonia Delaunay, sie hat die Spielkarten nach eigenen Ideen und den Wünschen des Museums in jahrelangen Entwürfen hin und her und bis zur Druckreife entwickelt, bei der "Spielbarkeit" der Karte verlangt wird: die Könige aus übereinanderstehenden Rhomben mit seitlichen Schachbrettmustern, Buben aus gezackten Ovalen, der Joker ein orphistisch abstrahierter Harlekin. Jean Picart le Doux, ein Meister der modernen Tapisserie, versetzt die Spielfiguren, ähnlich wie auf seinen Teppichen, ins höfisch mittelalterliche Milieu, der Bube erscheint als Troubadour, das Herz als Symbol einer Liebesromanze. Léoner Fini, der weibliche Star unter den Pariser Surrealisten, gibt sich hier ebenso elegant, bizarr und frivol wie in ihren Bildern, ihre zartgliedrigen hochmanieristischen Damen übertrumpfen mit graziler Koketterie alles, was sich frühere Jahrhunderte zu dem Thema haben einfallen lassen. Jean Bertholle hat sich bei seinem Tarockspiel an ein altes Maiseiller Vorbild gehalten, die derben ungelenken Formen kehren als parodierte Archaismen in den kräftig bunten Linolschritten wieder. Zu der bezaubernden, spleeragen, ein bißchen versnobten Ausstellung, die bis zum 15. Januar 1967 in der Sparrenburg zu sehen ist, hat Detlef Hoffmann einen wissenschaftlich exakten Katalog verfaßt, Wie wär’s, wenn das Spielkarten-Museum einmal deutsche Künstler, etwa Paul Wunderlich oder die jungen Berliner Phantasten, zur Mitarbeit animieren würde?
  • "Mutz-Keramik" (Hamburg, Ernst-Barlach-Haus): Die Mutz-Werkstätten wären längst vergessen und ihre keramische Produktion allenfalls für Jugendstilenthusiasten interessant, wenn nicht Ernst Berlach Modelle für Richard Mutz in Altona geliefert hätte. 15 von den 77 ausgestellten keramischen Arbeiten hat Barlach modelliert, die ersten in den Jahren 1902 bis 1904, als er im benachbarten Wedel wohnte, die letzten Arbeiten, die berühmten Figuren "Blinder Bettler", "Russische Bettlerin", "Liegender Bauer" sind nach der Rußlandreise zwischen 1906 und 1908 entstanden. Über den künstlerischen Wert seiner ersten keramischen Arbeiten kann man streiten, Barlach selbst hat sie bekanntlich verworfen. Ob es der Barlach-Pflege dient, Monstrositäten wie den als Vase gebauchten "Nöck" und die sich schlängelnde, sanft verfließende "Kleopatra" auszugraben, ist mehr als zweifelhaft. Aber sein "Ruhender Junger Goethe", aus grauen Scherben mit grüner Glasur, gibt immerhin eine Ahnung von dem späteren Bildhauer. Die übrige Mutz-Produktion, vorwiegend delikat glasierte Vasen und Schalen, entspricht der üblichen Jugendstil-Keramik. Bis Mitte Dezember. Gottfried Sello