Legitimer Lesestoff für alle – Seite 1

Von Uwe Nettelbeck

Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an.

Ernst Bloch

Der Kriminalroman ist ein vollkommen irreales Kunststoffprodukt, eine theoretische Schlachthausliteratur, Hermann Kesten

Man zeige mir den Mann oder die Frau, die Kriminalromane nicht ausstehen können, dann werde ich Ihnen einen Narren zeigen; einen klugen Narren vielleicht – aber nichtsdestoweniger einen Narren. Raymond Chandler

Überdies handelt es sich beim Kriminalroman um etwas, was so viele Kritiker der modernen Literatur vermissen: nämlich um legitimen Lesestoff für alle. Helmut Heißenbüttel

Kriminalromane werden hierzulande so gut wie gar nicht rezensiert. Das hat natürlich auch praktische Gründe: Es erscheinen zu viele, jeden Monat ein paar Dutzend, und es erscheinen auch noch die feinen Bücher, die auf jeden Fall rezensiert werden müssen – mit ihnen ist die Kritik vollauf beschäftigt. Zum zweiten liegt kein Ökonomisches Interesse vor: Den Verlagen, die Kriminalromane vertreiben, kann es relativ gleichgültig sein, ob diese rezensiert werden oder nicht; es genügt, sie auszuliefern. Rezensionsexemplare werden, selten verschickt, und wenn, dann verschwinden sie meist in den Handtaschen der Redaktionssekretärinnen.

Legitimer Lesestoff für alle – Seite 2

Aber es sind nicht nur praktische Grunde im Spiel. Das Desinteresse der Kritik am Kriminalroman erklärt sich auch daraus, daß es zu viele schlechte Kriminalromane gibt: Die Verlage drucken, was sie kriegen können. Ist der Kritiker nicht zufällig ein Krimi-Fan, so wird er schnell die Lust verlieren. Es ist zum Beispiel fast unmöglich, mehr als ein Buch von Edgar Wallace oder Ellery Queen, von Carter Brown oder Day Keene zu lesen, ganz zu schweigen von dem namenlosen Schund, dem der Nichteingeweihte von außen nicht ansehen kann, was ihn erwartet. Und wer von Fredric Brown nur "The Murderers" (Venus in Schwarz) gelesen hat, wird kaum auf die Idee kommen, daß er einen guten Schriftsteller vor sich hat, dem zahlreiche vorzügliche Kurzgeschichten und eine so brillante Sache wie "Knock Three-One-Two" (Klopfzeichen Drei-eins-zwei) gelungen sind. Es hat sich zwar herumgesprochen, daß Georges Simenon, Dashiell Hammett und Raymond Chandler lesenswerte Bücher geschrieben Haben, aber wer, der das Genre nicht kennt, wird nicht annehmen, daß das gleiche auch auf Agatha Christie zutreffen könnte? Dabei ist die alte Dame nur eine ziemliche Stümperin, die einen Haufen todlangweiliger Bücher für alte Damen und Merry-Old-England-Fans fabriziert hat.

Schwierigkeiten über Schwierigkeiten für den armen Kritiker, der sich vornimmt, sich mal einen Krimi näher anzuschauen. Hinzu kommt, daß dem Kriminalroman außerdem ganz offensichtlich fehlt, was man literarische Qualität nennt. Seine sprachliche Lakonik, seine funktionelle Stilistik und seine spezifischen Traditionen haben mit Literatur als Kunst nur punktuell zu tun: Gerade die besten Werke des Genres zeichnet aus, daß man sie mit den feinen Büchern nicht verwechseln kann; es gibt keinen Krimi, von dem man sagen kann, er sei etwas anderes als Unterhaltungsliteratur. Er ist zunächst nichts weiter als ein schnell produzierter Konsumartikel, zugeschnitten auf den schnellen Verbrauch; daran ändert auch die Tatsache nichts, daß jemand wie Chandler das Schreiben sehr genau genommen hat, denn es ging ihm bei aller Sorgfalt nur darum, jene ehrgeizige Aufgeblähtheit zu vermeiden, die schlechteren Krimi-Autoren immer wieder unterläuft, wenn sie es besonders gut, das heißt literarisch machen wollen.

Hinzu kommt weiterhin, und das macht das Genre in den Augen seriöser Leute erst recht suspekt, daß ein Krimi-Autor nicht in das Bild paßt, das man sich von einem Schriftsteller zu machen pflegt: Zwar wird ein Krimi-Autor, wenn ihm danach ist, gelegentlich etwas Gesellschaftskritik in seine Bücher einfließen lassen, ansonsten aber kümmert er sich wenig um die Dinge, um die sich ein Schriftsteller der Übereinkunft nach zu kümmern hat, und je weniger er sich um sie kümmert, desto besser wird in der Regel der Krimi, den er schreibt. Er hat genug damit zu tun, seine Mordgeschichte plausibel zu machen, was alles andere als einfach ist. Ich glaube, es ist leichter, ein halbwegs gutes ernsthaftes Buch als einen wirklich guten Krimi zu schreiben, was sich fast immer dann zeigt, wenn ernsthafte Autoren versuchen, einen Krimi zu schreiben: Dabei ist selten etwas herausgekommen.

Schließlich macht den Krimi in den Augen der Kritiker, deren Job es ist, die feinen Bücher gegeneinander abzuwägen, noch der Umstand suspekt, daß ein guter Krimi nicht notwendigerweise die unverwechselbare Handschrift seines Autors aufweisen muß. Selbst Krimi-Experten dürfte es schwerfallen, an einer Stilprobe einen Autor zu erkennen.

Zum einen, weil es wohl kaum eine andere Literaturgattung gibt, in der so hemmungslos und so geschickt plagiiert wird kein bekannter Krimi-Autor, um den sich nicht sofort eine Schule gebildet hätte, und oft kommen die Imitatoren hart an ihre Vorbilder heran. Nur an seinen Ticks kann man einen Krimi-Autor erkennen, zum Beispiel an einer Figur, die er über mehrere Bücher hin beibehält. Und selbst darauf kann man sich nicht verlassen: Nicht jeder Krimi, in dem der Anwalt Perry Mason einen seiner verzwickten Fälle löst, stammt Wort für Wort von Erle Stanley Gardner, seinem Erfinder; Gardner hat längst eine kleine Schreibfabrik aufgezogen, um die Nachfrage stillen zu können, und es ist noch nicht einmal sicher, ob der Chef im Hause auch noch immer die besten Sachen schreibt.

Zum anderen, weil sich ein guter Krimi nur minimal von einem schlechten unterscheidet; Beide erzählen sie die gleiche Geschichte auf fast die gleiche Weise, der gute Krimi erzählt sie nur etwas schneller, etwas genauer, etwas plausibler, mit etwas besseren Dialogen, etwas überraschender und mit weniger faulen Tricks; sie auseinanderzuhalten, ist ebenso schwierig, vielleicht sogar schwieriger, als einen guten ernsthaften Roman von einem weniger guten ernsthaften Roman zu unterscheiden. Die Kluft zwischen dem "Doktor Faustus" und Jakob Wassermanns "Christian Wahnschaffe" ist kaum zu übersehen; komplizierter ist es, herauszufinden, warum Hammetts "The Glass Key" (Der gläserne Schlüssel) besser ist als sein "The Thin Man" (Der dünne Mann), oder woran es liegt, daß Chandler Hammett übertreffen konnte, aber bisher noch niemand Chandler. Es kann dies an einem einzigen Infinitiv in einem einzigen Satz liegen; mit gröberen Unterscheidungen wird man nicht kommen, jedenfalls bei diesen beiden Autoren nicht. Kein Wunder also, daß sie immer in einen Topf geworfen werden, daß es zahlreiche Untersuchungen gibt, die die Hammett-Chandler-Richtung gegen die Sayers-Christie-Richtung absetzen, was sich im Handumdrehen erledigen läßt, aber kaum eine, die sich die Mühe macht, ins Detail zu gehen.

Auch daran ist das Überangebot schuld. Es ist eine hoffnungslose Sache, einen einzelnen Titel herauszugreifen, wo von Hunderten die Rede sein muß, wenn man erklären will, warum der einzelne Titel etwas taugt. Da ist es in der Tat sinnvoller, so global zu werden wie Helmut Heißenbüttel in seinem Essay "Spielregeln des Kriminalromans", der den Versuch unternimmt, die Fülle der Titel nach den Grund-Schemata zu katalogisieren, die das Genre bis heute entwickelt hat.

Legitimer Lesestoff für alle – Seite 3

*

Heißenbüttel gibt zu, sechs- bis siebenhundert Krimis gelesen zu haben, und ist nach seinen eigenen Worten auch weiterhin ein eifriger Leser dessen, was neu auf den Markt kommt oder ihm bisher entgangen ist. Der durchschnittliche Krimi-Fan der Statistik liest etwa fünfzig Titel im Jahr, also etwas über fünf Prozent des jährlichen Angebotes, das fast tausend Titel umfaßt. Da es jedoch unter den vorliegenden Krimis ewige Bestseller gibt, die Millionenauflagen erreichen und nie für immer aus dem Handel verschwinden, und da der durchschnittliche Krimi-Fan, wenn es ihn erst mal gepackt hat, zunächst vor allem diese lesen wird, kann man damit rechnen, daß bei weitem nicht jeder Krimi, der auf den Markt kommt, auf das Interesse der Leser stößt.

Krimi-Fans sind wählerisch: Haben sie sich für eine bestimmte Richtung entschieden, entscheiden sie sich meist auch für bestimmte Autoren. Oder sie entscheiden sich für einen bestimmten Verlag, für eine bestimmte Krimi-Reihe.

Läßt man die Heftchen, die sich an das anspruchslose Publikum wenden (wer mit Jerry Cotton vorlieb nimmt, wird sich kaum für Philip Marlowe erwärmen können, und umgekehrt wird, wer Chandler schätzt, kaum zu einem Jerry-Cotton-Heftchen greifen) und die gebundenen Erstausgaben beiseite, die in der Geschenkpackung bieten, was oft schon nach ein paar Wochen als Taschenbuch zu haben ist, bleiben sieben Verlage, deren Taschenkrimi-Reihen den Markt beherrschen – Desch, Goldmann, Heyne, Mohn, Rowohlt, Scherz und Ullstein.

Jede dieser Reihen hat, obwohl einige Autoren in mehreren zugleich auftauchen, ihr eigenes Gesicht.

Die einheitlichste Linie bietet die Produktion des Goldmann Verlages, der von seinen roten Taschenkrimis sagt: "Goldmanns Taschen-Krimi sind so sehr bekannt, daß sie einer besonderen Empfehlung kaum mehr bedürfen ... Der Verlag achtet mit Umsicht und Sorgfalt darauf, daß nur solche Kriminalromane aufgenommen werden, die moralischen Maßstäben standhalten und literarischen Ansprüchen genügen," Die Trumpfkarte des Goldmann Verlages ist der biedere Familien-Krimi. Am häufigsten in der Reihe vertreten sind die Autoren Ben Benson, George H. Coxe, Marten Cumberland, Victor George F. R. Lockridge, Thomas Muir, Margot Neville, Helen Nielsen, Arthur W. Upfield und Edgar Wallace, vor allem Autoren also, die moralischen Maßstäben standhalten und den braven Durchschnitt repräsentieren. Zu Edgar Wallace hat schon Ernst Bloch, der ein großer Krimi-Fan ist, bemerkt, es sei leider besonders leicht, von ihm nicht gefesselt zu werden. Dennoch ist Wallace, der schwächste Autor der Reihe, auch ihr erfolgreichster – von ihm allein liegen ungefähr siebzig Titel vor.

Der überwiegende Teil der Goldmann-Krimis vertritt die saubere englische Schule, die Chandler einmal folgendermaßen charakterisiert hat: "Grundsätzlich ist es immer die gleiche sorgfältig zusammengestellte Gruppe der Verdächtigen, der gleiche völlig unverständliche Trick, wie jemand Mrs. Pottington Postlewait III mit einem massiven Platindolch erstechen konnte, als sie gerade den höchsten Ton aus dem Glockenlied von Lakmé vor fünfzehn Gästen herausquetschte, das gleiche schlichte Mädchen in pelzverbrämten Pyjamas, dessen gellender Schrei mitten in der Nacht die ganze Gesellschaft aus ihren Türen herauslockt und damit den ganzen Zeitplan durcheinanderbringt. Es ist das gleiche mürrische Schweigen, mit dem die Gäste am nächsten Tag zusammensitzen und Singapore-Slings schlürfen und sich gegenseitig belauern, während die Kriminalbeamten über Perserteppiche hin und her schleichen ... Was der Inspektor tut, wenn er angekommen ist, folgt dem gleichen, bewährten alten Herumraten über den Zeitablauf und die Fetzchen angekohlten Papiers und wer wohl die hübschen, blühenden, jungen Erdbeerpflanzen vor dem Bibliotheksfenster zusammengetrampelt habe."

Legitimer Lesestoff für alle – Seite 4

Erst neuerdings beginnt die Goldmann-Linie zu flattern, aber das liegt wohl daran, daß sich auch bei Goldmann langsam Nachschubprobleme einstellen – es erscheinen acht Taschenkrimis und vier "Goldmanns Große Kriminalromane" im Monat – und dadurch manches in die Reihe gerät, was früher nicht hineingeraten wäre. Das ist für die Anhänger der Reihe, zu denen ich allerdings nicht gehöre, nicht immer erfreulich, denn verglichen mit dem vulgären Brett Halliday und den Schreibern seines Schlages, die jetzt leider häufiger auf den Rücken der roten Bändchen auftauchen, waren die Autoren der alten Goldmann-Garde wahre Meister ihres Fachs.

Gediegen-harmlos sind die meisten der schwarzen Kriminalromane des Scherz Verlages. Star im Hause ist Agatha Christie mit ihren überkonstruierten Krimi-Kreuzworträtseln, gefolgt von John Dickson Carr, der auch unter Carter Dickson schreibt und sich auf eine unheimliche Variante der traditionellen Detektivgeschichte spezialisiert hat, Mignon G. Eberhardt, Erle Stanley Gardner, Ellery Queen, Ursula Curtiss, Ngaio Marsh und Dorothy Sayers.

Einen entgegengesetzten Kurs steuert der Heyne Verlag: Hier gibt es vor allem die harten Sachen, zum Beispiel die berüchtigten Romane Mickey Spillanes "My Gun Is Quick" (Das Wespennest), "Vengeance Is Mine" (Späte Gäste) und "The Big Kill" (Die schwarzen Nächte von Manhattan) – inzwischen sieht es so aus, als sei Spillane eine ständige Ullstein-Einrichtung geworden, allerdings sind dort nur Romane neueren Datums erschienen, die genauso unerträglich sind wie die alten, aber noch öder; Lionel White ist mit etwa einem Dutzend Titeln vertreten, darunter so ausgezeichnete Thriller wie "The Killing" (Der Millionencoup), den Kubrick, und "Obsession" (Kein Weg zurück), den Godard verfilmt hat, dann William P. McGivern, sein bestes Buch ist wahrscheinlich "Odds Against Tomorrow" (Von Angst gepeitscht), außerdem gibt es bei Heyne Robert Bloch, John Trinian, einige gut zusammengestellte Story-Anthologien und die beiden erwähnten Romane von Fredric Brown. Und schließlich, nicht zu vergessen: Heyne hat den Taschen-Simenon von Kiepenheuer übernommen. Die Heyne-Reihe ist noch jung, aber sie ist auf dem besten Wege, einigen älteren den Rang abzulaufen.

Ein gemischtes Bild bieten die Mitternachtsbücher des Desch Verlages und die Signum Taschenbücher des Hauses Bertelsmann. Die Mitternachtsbücher begannen sehr vielversprechend, unter den ersten zehn Titeln waren zwei von Raymond Chandler, "Farewell, My Lovely" (Betrogen und gesühnt) und "Playback (Spiel im Dunkel), der letzte Roman Chandlers; wenig später erschienen zwei Romane von Stanley Ellin, die leider inzwischen vergriffen sind. Heute findet man unter den Mitternachtsbüchern vor allem Autoren wie Day Keene, Carter Brown, Peter Cheyney und Hillary Waugh und nur noch selten etwas so Gutes wie "Little Caesar" (Kleiner Caesar) oder "The Asphalt Jungle (Asphaltdschungel) von W. R. Burnett – was allerdings nicht nur am Verlag liegt.

Die Signum Taschenbücher sammeln ein, was übrig bleibt, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck, wenn man sich die Liste der Bertelsmann-Krimi-Autoren anschaut: Neben der Taschenbuch-Ausgabe von Conan Doyles "Der Hund von Baskerville" stehen Titel von Erle Stanley Gardner, Dorothy Sayers, Leslie Ford und Rex Stout, Peter Cheyney, Leslie Charteris und Brett Halliday, dessen Muskelmann Mike Shayne von allen Privatdetektiven, die ich kenne, die langweiligsten Dinger dreht.

Es fehlen noch zwei Reihen: die ambitionierteste und die beste, die rororo-thriller und die Ullstein-Kriminalromane.

Die rororo-Reihe bringt ausschließlich deutsche Erstausgaben, ein Prinzip, das sich keine andere Taschen-Reihe gesetzt hat, und auch nicht beliebige Autoren, sondern nur solche, die sich den psychologischen Aspekten des Verbrechens zuwenden. Das ist natürlich ein doppeltes Handikap, eine Spezialisierung, die sich möglicherweise nicht auszahlt. Hauptautoren der Reihe sind Patricia Highsmith, von ihr liegen sieben, und John Bingham, von ihm liegen vier Titel vor. Es folgen Judson Philips, ein mittelmäßiger, aber sehr produktiver Amerikaner, von dem in den Staaten schon ungefähr sechzig Bände erschienen sind, Henry Farrell, der sich fadenscheinige Seelen-Gruselstücke ausdenkt, Nicolas Freeling, der geschickt auf der Linie Simenons zu schreiben versteht, und Ross MacDonald, dessen Lew Archer einer der wenigen kalifornischen Privatdetektive ist, die an Sam Spade und Philip Marlowe beinahe heranreichen, sowie fünf Titel von Ed McBain, dem Erfinder des 87. Polizeireviers, der eigentlich bei Ullstein erscheint und wie Ross MacDonald, von dem einige Titel bei Scherz sind, im Grunde nicht 111 die rororo-Konzeption paßt. Außerdem sind noch ein paar verstaubte Größen wie Nicholas Blake und Margery Allingham vertreten, aber auch zahlreiche neue Namen – nicht nur aus dem angelsächsischen Sprachbereich, sondern auch aus Frankreich, Dänemark, der Bundesrepublik und sogar aus der Tschechoslowakei und aus Spanien.

Legitimer Lesestoff für alle – Seite 5

Wem es zu mühselig ist, die gesamte Produktion zu verfolgen und sich die Titel von überallher zusammenzusuchen, was der richtige Krimi-Fan natürlich immer tun wird, dem ist mit den Ullstein-Kriminalromanen am besten geholfen.

Bei Ullstein gibt es bis auf die beiden bei Desch erschienenen Titel alle Romane Chandlers und fast alle seine Kurzgeschichten, gibt es Hammett und James Hadley Chase, Ed McBain, John Dickson Carr, Erle Stanley Gardner (ihn auch unter dem Pseudonym A. A. Fair), Dorothy Sayers, The Gordons und Spillane, zwei fortlaufend erscheinende Story-Magazine, (Ullstein Kriminalmagazin in bisher vier Folgen und Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin in bisher zwanzig Folgen), schließlich auch Carter Brown, Day Keene und Henry Kane, Ngaio Marsh und Rex Stout, sogar Edgar Wallace und Agatha Christie sind vertreten. Vor allem aber gibt es bei Ullstein einige weniger bekannte Autoren, die sehr gute Krimis geschrieben haben, zum Beispiel Samuel W. Taylor, Howard Browne, James M. Cain und Vera Caspary, William Irish und Anthony Armstrong, John Trinian und Philip McDonald; ferner Anthony Berkeley (Francis lies), Edmund Crispin und Chester Himes.

*

Er sei, sagt Heißenbüttel, schon am Anfang seiner Lektüre auf ein klassisches Gegensatzpaar gestoßen, den "Detektiv, der im rauhen bis rüden Einsatz solange Gegner zusammenmischt (und natürlich zwischendurch selber zusammengedroschen wird), bis er heraus hat, ver’s gewesen ist, und den anderen, der durch eine Mischung aus Faktenermittlung und kombinatorischer Rätselraterei das zunächst Verworrene und Undurchschaubare in plausible Zusammenhänge bringt und durchschaubar macht". Schon wenig später jedoch fließen ihm die feindlichen Brüder ineinander, sieht er, daß ‚auch der Logiker nicht ohne Gewalt auskommt und daß auch der Hartgesottene seinerseits auf die logische Lösung seines Fakten-Puzzles angewiesen ist". Man könne sie durchaus als ein und dieselbe Person ansehen.

Es zeigt sich daran, wie schwierig es ist, das Phänomen Krimi bündig zu rubrizieren, so einfach es auf den ersten Blick auch scheint. Das ist das Merkwürdige: Auf dem Wege von Wallaces Schwarten zu Chandlers Storys ist man ständig verführt, ein System zu entwerfen, die Krimi-Autoren und ihre Detektive zu ordnen, Markierungen zu setzen und nach Bestätigungen dafür zu suchen, daß, wo ein genau abgezirkeltes Genre ist, auch strikte Regeln sein müßten, die man herausoperieren kann. Aber spätestens in dem Augenblick, in dem man die eiste Chandler-Story gelesen hat, gibt man auf: Es funktioniert beim Kriminalroman nicht, was funktionieren würde, wenn er nichts weiter als eine bestimmte Gattung der Trivialliteratur wäre – deren sicherstes Kennzeichen es ist, daß man ihr mit klaren Typisierungen beizukommen vermag. Hat man erst einmal alle Merkmale der Trivialliteratur, die auch auf den Kriminalroman zutreffen, zusammengetragen, bleibt überraschend ein ungeklärter Rest, bleiben vor allem Autoren, die so simpel nicht zu erledigen sind.

Trivial am Kriminalroman ist, daß er auf gewisse Klischees nicht verzichten kann: auf die Leiche, ohne die das Interesse des Lesers alsbald erlahmen würde (wer will schon auf zweihundert Seiten die Jagd auf einen Taschendieb verfolgen?), auf den Grundsatz, daß sich das Verbrechen nicht auszahlt, was nicht moralisch, sondern als ein Formalismus zu verstehen ist, es käme nämlich ohne ihn die Handlung nicht in Gang, etwas geschieht und muß Folgen haben; auf bestimmte Erzähl-Requisiten wie die vorsätzliche Täuschung des Lesers, die der schlechte Krimi-Autor dadurch herbeiführt, daß er seine Karten zinkt, also zum Beispiel, wie Agatha Christie in einem Falle, den Ich-Erzähler zum Mörder macht, oder den Leser immerzu auf Unwichtigkeiten hinlenkt, die keine andere Funktion in der Geschichte haben, als Verwirrung zu stiften, der gute aber, indem er jeder falschen Spur den Anschein beläßt, daß sie zur Lösung führen könnte, und den Detektiv nicht zu einer lächerlichen Figur erniedrigt, die einen Verdächtigen noch für den Mörder hält, wenn der Leser ihn schon längst von der Liste der Verdächtigen gestrichen hat. Trivial am Kriminalroman ist außerdem vielleicht noch, daß er den Leser erregen will, daß er mit Spannungsmomenten jonglieren muß, und am schlechten Krimi, daß er gängige Reize wie exotische Schauplätze, hingegossene Mädchen und überflüssige Schießereien oder, im Falle der englischen Schule, teetrinkende alte Ladies, denen ein schreckliches Gerücht zu Ohren gekommen ist, ausgefallene Mordarten und finsterblickende Butler akkumuliert.

Auf solchen Kram kann der gute Kriminalroman verzichten: Entweder reduziert er, wie es Bingham in seinem "Murder Plan Six (Der sechste Plan) einmal sehr schön vorgemacht hat, die erzählte Geschichte auf ihre formale Mechanik, oder er erzählt eine Geschichte, die nur zufällig der Mechanik einer Kriminalgeschichte zu folgen scheint, wie es Chandler tut.

Legitimer Lesestoff für alle – Seite 6

Bei ihm hat Heißenbüttel wohl entdecken müssen, daß sein Gegensatzpaar zu einer Figur schrumpfen kann: Philip Marlowe gebraucht zwar, wenn es sein muß, seine Fäuste oder seine Smith & Wesson 38er Special mit Vier-Zoll-Lauf, aber er stolpert nicht durch die Geschichten wie die Unzahl der dümmlichen Privatdetektive, die nach seinem Muster entstanden sind, sondern überlegt genau, was er tut – er gebraucht seinen Kopf im Grunde sogar intensiver als Hercule Poirot, von dessen kleinen grauen Gehirnzellen Agatha Christie unentwegt schwärmt und der, durch die platten Konstruktionen der alten Dame verwöhnt und arglos geworden, in Chandlers Los Angeles schon nach zwei Schritten um die Ecke ein toter Mann wäre.

Mit Chandler hatte die Krimi-Literatur einen ihrer Höhepunkte deshalb erreicht, weil er es wie kein anderer verstanden hat, alle Elemente der Gattung flüssig zu kombinieren, die langwierige Lösung des Rätsels mit einer dynamischen Geschichte zu verbinden, die Jagd nach dem Täter zu beschreiben, als stünde mehr auf dem Spiel als bloß das Gelingen des Krimis – worauf es ihm aber trotz allem am meisten ankam.

Ich habe Simenon nicht vergessen: Er hat etwas Ähnliches erreicht, wenn auch auf einem anderen Wege, es ist ihm jedoch nie gelungen, dem Kriminalroman seinen bourgeoisen Zug zu nehmen. Ich habe Ed McBain nicht vergessen, der so glänzend mit dem schwierigen Umstand fertig wird, daß er sich nicht nur einen, sondern gleich ein ganzes Revier voller Polizisten ausgesucht hat: Es gibt keine besseren Krimis, die in New York spielen, als seine, und sie wären noch besser, wenn McBain sich seine gelegentlichen Ausflüge in die höhere Literatur versagen könnte. Ich habe Patricia Highsmith nicht vergessen, von der es ein paar geradezu teuflische Romane gibt, "The Blunderer" (Der Stümper) und "The Two Faces Of January" (Unfall auf Kreta) gehören zu den zwanzig besten Krimis, die ich kenne; und nicht James Hadley Chase, der zwar ein Schnellschreiber ist, aber in seinen späteren Romanen eine Krimi-Variante entwickelt hat, von der anzunehmen ist, daß sie bald Schule machen wird, sie hat es teilweise schon: Seine Helden sind normal gemeine Leute, die meist durch ein Mißgeschick, oft durch puren Geldmangel und manchmal durch jäh ausbrechenden Größenwahn in Situationen geraten, denen sie nicht gewachsen sind, in denen sie zum Verbrechen verführt oder getrieben werden – seine good-bad-guys sind tragische Figuren, die sich die Schlinge, die sie erdrosselt, selber knüpfen, und es geht in seinen Büchern, was man von denen Chandlers nicht sagen kann, dabei so gar nicht metaphysisch zu. Mindestens drei seiner Romane würde ich zu jenen zwanzig rechnen: "Tell It To The Birds (Keine Versicherung gegen Mord), "Just Another Sucker" (Dumme sterben nicht aus) und "You’ve Got It Coming" (Zu hoch hinaus); eine Gangster-Geschichte wie "The World In My Pocket" (An einem Freitag um halb zwölf) erzählt ihm so schnell keiner nach.

Bei allem Vergnügen, das man dabei haben kann, wenn man entdeckt, daß ein Krimi gut konstruiert ist, läuft es letzten Endes doch nur auf eines hinaus: Der bestkonstruierte Krimi wird fade, wenn er nicht zugleich auch ein gutes Buch ist – die Genugtuung, den Täter mit erwischt zu haben, ist der schäbigste Spaß, den ein Krimi zu bieten hat, das gleichbleibende Muster muß mit Literatur gefüllt sein. Und nur weil der Kriminalroman ehrlich genug ist, sein Muster nicht zu verleugnen, und sich nicht den Anschein gibt, als habe er Höheres vor, weil er also nicht mehr verspricht, als er hält, fällt er der Verachtung derer anheim, die noch nie einen gelesen haben.