Aber es sind nicht nur praktische Grunde im Spiel. Das Desinteresse der Kritik am Kriminalroman erklärt sich auch daraus, daß es zu viele schlechte Kriminalromane gibt: Die Verlage drucken, was sie kriegen können. Ist der Kritiker nicht zufällig ein Krimi-Fan, so wird er schnell die Lust verlieren. Es ist zum Beispiel fast unmöglich, mehr als ein Buch von Edgar Wallace oder Ellery Queen, von Carter Brown oder Day Keene zu lesen, ganz zu schweigen von dem namenlosen Schund, dem der Nichteingeweihte von außen nicht ansehen kann, was ihn erwartet. Und wer von Fredric Brown nur "The Murderers" (Venus in Schwarz) gelesen hat, wird kaum auf die Idee kommen, daß er einen guten Schriftsteller vor sich hat, dem zahlreiche vorzügliche Kurzgeschichten und eine so brillante Sache wie "Knock Three-One-Two" (Klopfzeichen Drei-eins-zwei) gelungen sind. Es hat sich zwar herumgesprochen, daß Georges Simenon, Dashiell Hammett und Raymond Chandler lesenswerte Bücher geschrieben Haben, aber wer, der das Genre nicht kennt, wird nicht annehmen, daß das gleiche auch auf Agatha Christie zutreffen könnte? Dabei ist die alte Dame nur eine ziemliche Stümperin, die einen Haufen todlangweiliger Bücher für alte Damen und Merry-Old-England-Fans fabriziert hat.

Schwierigkeiten über Schwierigkeiten für den armen Kritiker, der sich vornimmt, sich mal einen Krimi näher anzuschauen. Hinzu kommt, daß dem Kriminalroman außerdem ganz offensichtlich fehlt, was man literarische Qualität nennt. Seine sprachliche Lakonik, seine funktionelle Stilistik und seine spezifischen Traditionen haben mit Literatur als Kunst nur punktuell zu tun: Gerade die besten Werke des Genres zeichnet aus, daß man sie mit den feinen Büchern nicht verwechseln kann; es gibt keinen Krimi, von dem man sagen kann, er sei etwas anderes als Unterhaltungsliteratur. Er ist zunächst nichts weiter als ein schnell produzierter Konsumartikel, zugeschnitten auf den schnellen Verbrauch; daran ändert auch die Tatsache nichts, daß jemand wie Chandler das Schreiben sehr genau genommen hat, denn es ging ihm bei aller Sorgfalt nur darum, jene ehrgeizige Aufgeblähtheit zu vermeiden, die schlechteren Krimi-Autoren immer wieder unterläuft, wenn sie es besonders gut, das heißt literarisch machen wollen.

Hinzu kommt weiterhin, und das macht das Genre in den Augen seriöser Leute erst recht suspekt, daß ein Krimi-Autor nicht in das Bild paßt, das man sich von einem Schriftsteller zu machen pflegt: Zwar wird ein Krimi-Autor, wenn ihm danach ist, gelegentlich etwas Gesellschaftskritik in seine Bücher einfließen lassen, ansonsten aber kümmert er sich wenig um die Dinge, um die sich ein Schriftsteller der Übereinkunft nach zu kümmern hat, und je weniger er sich um sie kümmert, desto besser wird in der Regel der Krimi, den er schreibt. Er hat genug damit zu tun, seine Mordgeschichte plausibel zu machen, was alles andere als einfach ist. Ich glaube, es ist leichter, ein halbwegs gutes ernsthaftes Buch als einen wirklich guten Krimi zu schreiben, was sich fast immer dann zeigt, wenn ernsthafte Autoren versuchen, einen Krimi zu schreiben: Dabei ist selten etwas herausgekommen.

Schließlich macht den Krimi in den Augen der Kritiker, deren Job es ist, die feinen Bücher gegeneinander abzuwägen, noch der Umstand suspekt, daß ein guter Krimi nicht notwendigerweise die unverwechselbare Handschrift seines Autors aufweisen muß. Selbst Krimi-Experten dürfte es schwerfallen, an einer Stilprobe einen Autor zu erkennen.

Zum einen, weil es wohl kaum eine andere Literaturgattung gibt, in der so hemmungslos und so geschickt plagiiert wird kein bekannter Krimi-Autor, um den sich nicht sofort eine Schule gebildet hätte, und oft kommen die Imitatoren hart an ihre Vorbilder heran. Nur an seinen Ticks kann man einen Krimi-Autor erkennen, zum Beispiel an einer Figur, die er über mehrere Bücher hin beibehält. Und selbst darauf kann man sich nicht verlassen: Nicht jeder Krimi, in dem der Anwalt Perry Mason einen seiner verzwickten Fälle löst, stammt Wort für Wort von Erle Stanley Gardner, seinem Erfinder; Gardner hat längst eine kleine Schreibfabrik aufgezogen, um die Nachfrage stillen zu können, und es ist noch nicht einmal sicher, ob der Chef im Hause auch noch immer die besten Sachen schreibt.

Zum anderen, weil sich ein guter Krimi nur minimal von einem schlechten unterscheidet; Beide erzählen sie die gleiche Geschichte auf fast die gleiche Weise, der gute Krimi erzählt sie nur etwas schneller, etwas genauer, etwas plausibler, mit etwas besseren Dialogen, etwas überraschender und mit weniger faulen Tricks; sie auseinanderzuhalten, ist ebenso schwierig, vielleicht sogar schwieriger, als einen guten ernsthaften Roman von einem weniger guten ernsthaften Roman zu unterscheiden. Die Kluft zwischen dem "Doktor Faustus" und Jakob Wassermanns "Christian Wahnschaffe" ist kaum zu übersehen; komplizierter ist es, herauszufinden, warum Hammetts "The Glass Key" (Der gläserne Schlüssel) besser ist als sein "The Thin Man" (Der dünne Mann), oder woran es liegt, daß Chandler Hammett übertreffen konnte, aber bisher noch niemand Chandler. Es kann dies an einem einzigen Infinitiv in einem einzigen Satz liegen; mit gröberen Unterscheidungen wird man nicht kommen, jedenfalls bei diesen beiden Autoren nicht. Kein Wunder also, daß sie immer in einen Topf geworfen werden, daß es zahlreiche Untersuchungen gibt, die die Hammett-Chandler-Richtung gegen die Sayers-Christie-Richtung absetzen, was sich im Handumdrehen erledigen läßt, aber kaum eine, die sich die Mühe macht, ins Detail zu gehen.

Auch daran ist das Überangebot schuld. Es ist eine hoffnungslose Sache, einen einzelnen Titel herauszugreifen, wo von Hunderten die Rede sein muß, wenn man erklären will, warum der einzelne Titel etwas taugt. Da ist es in der Tat sinnvoller, so global zu werden wie Helmut Heißenbüttel in seinem Essay "Spielregeln des Kriminalromans", der den Versuch unternimmt, die Fülle der Titel nach den Grund-Schemata zu katalogisieren, die das Genre bis heute entwickelt hat.