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Heißenbüttel gibt zu, sechs- bis siebenhundert Krimis gelesen zu haben, und ist nach seinen eigenen Worten auch weiterhin ein eifriger Leser dessen, was neu auf den Markt kommt oder ihm bisher entgangen ist. Der durchschnittliche Krimi-Fan der Statistik liest etwa fünfzig Titel im Jahr, also etwas über fünf Prozent des jährlichen Angebotes, das fast tausend Titel umfaßt. Da es jedoch unter den vorliegenden Krimis ewige Bestseller gibt, die Millionenauflagen erreichen und nie für immer aus dem Handel verschwinden, und da der durchschnittliche Krimi-Fan, wenn es ihn erst mal gepackt hat, zunächst vor allem diese lesen wird, kann man damit rechnen, daß bei weitem nicht jeder Krimi, der auf den Markt kommt, auf das Interesse der Leser stößt.

Krimi-Fans sind wählerisch: Haben sie sich für eine bestimmte Richtung entschieden, entscheiden sie sich meist auch für bestimmte Autoren. Oder sie entscheiden sich für einen bestimmten Verlag, für eine bestimmte Krimi-Reihe.

Läßt man die Heftchen, die sich an das anspruchslose Publikum wenden (wer mit Jerry Cotton vorlieb nimmt, wird sich kaum für Philip Marlowe erwärmen können, und umgekehrt wird, wer Chandler schätzt, kaum zu einem Jerry-Cotton-Heftchen greifen) und die gebundenen Erstausgaben beiseite, die in der Geschenkpackung bieten, was oft schon nach ein paar Wochen als Taschenbuch zu haben ist, bleiben sieben Verlage, deren Taschenkrimi-Reihen den Markt beherrschen – Desch, Goldmann, Heyne, Mohn, Rowohlt, Scherz und Ullstein.

Jede dieser Reihen hat, obwohl einige Autoren in mehreren zugleich auftauchen, ihr eigenes Gesicht.

Die einheitlichste Linie bietet die Produktion des Goldmann Verlages, der von seinen roten Taschenkrimis sagt: "Goldmanns Taschen-Krimi sind so sehr bekannt, daß sie einer besonderen Empfehlung kaum mehr bedürfen ... Der Verlag achtet mit Umsicht und Sorgfalt darauf, daß nur solche Kriminalromane aufgenommen werden, die moralischen Maßstäben standhalten und literarischen Ansprüchen genügen," Die Trumpfkarte des Goldmann Verlages ist der biedere Familien-Krimi. Am häufigsten in der Reihe vertreten sind die Autoren Ben Benson, George H. Coxe, Marten Cumberland, Victor George F. R. Lockridge, Thomas Muir, Margot Neville, Helen Nielsen, Arthur W. Upfield und Edgar Wallace, vor allem Autoren also, die moralischen Maßstäben standhalten und den braven Durchschnitt repräsentieren. Zu Edgar Wallace hat schon Ernst Bloch, der ein großer Krimi-Fan ist, bemerkt, es sei leider besonders leicht, von ihm nicht gefesselt zu werden. Dennoch ist Wallace, der schwächste Autor der Reihe, auch ihr erfolgreichster – von ihm allein liegen ungefähr siebzig Titel vor.

Der überwiegende Teil der Goldmann-Krimis vertritt die saubere englische Schule, die Chandler einmal folgendermaßen charakterisiert hat: "Grundsätzlich ist es immer die gleiche sorgfältig zusammengestellte Gruppe der Verdächtigen, der gleiche völlig unverständliche Trick, wie jemand Mrs. Pottington Postlewait III mit einem massiven Platindolch erstechen konnte, als sie gerade den höchsten Ton aus dem Glockenlied von Lakmé vor fünfzehn Gästen herausquetschte, das gleiche schlichte Mädchen in pelzverbrämten Pyjamas, dessen gellender Schrei mitten in der Nacht die ganze Gesellschaft aus ihren Türen herauslockt und damit den ganzen Zeitplan durcheinanderbringt. Es ist das gleiche mürrische Schweigen, mit dem die Gäste am nächsten Tag zusammensitzen und Singapore-Slings schlürfen und sich gegenseitig belauern, während die Kriminalbeamten über Perserteppiche hin und her schleichen ... Was der Inspektor tut, wenn er angekommen ist, folgt dem gleichen, bewährten alten Herumraten über den Zeitablauf und die Fetzchen angekohlten Papiers und wer wohl die hübschen, blühenden, jungen Erdbeerpflanzen vor dem Bibliotheksfenster zusammengetrampelt habe."