Wem es zu mühselig ist, die gesamte Produktion zu verfolgen und sich die Titel von überallher zusammenzusuchen, was der richtige Krimi-Fan natürlich immer tun wird, dem ist mit den Ullstein-Kriminalromanen am besten geholfen.

Bei Ullstein gibt es bis auf die beiden bei Desch erschienenen Titel alle Romane Chandlers und fast alle seine Kurzgeschichten, gibt es Hammett und James Hadley Chase, Ed McBain, John Dickson Carr, Erle Stanley Gardner (ihn auch unter dem Pseudonym A. A. Fair), Dorothy Sayers, The Gordons und Spillane, zwei fortlaufend erscheinende Story-Magazine, (Ullstein Kriminalmagazin in bisher vier Folgen und Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin in bisher zwanzig Folgen), schließlich auch Carter Brown, Day Keene und Henry Kane, Ngaio Marsh und Rex Stout, sogar Edgar Wallace und Agatha Christie sind vertreten. Vor allem aber gibt es bei Ullstein einige weniger bekannte Autoren, die sehr gute Krimis geschrieben haben, zum Beispiel Samuel W. Taylor, Howard Browne, James M. Cain und Vera Caspary, William Irish und Anthony Armstrong, John Trinian und Philip McDonald; ferner Anthony Berkeley (Francis lies), Edmund Crispin und Chester Himes.

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Er sei, sagt Heißenbüttel, schon am Anfang seiner Lektüre auf ein klassisches Gegensatzpaar gestoßen, den "Detektiv, der im rauhen bis rüden Einsatz solange Gegner zusammenmischt (und natürlich zwischendurch selber zusammengedroschen wird), bis er heraus hat, ver’s gewesen ist, und den anderen, der durch eine Mischung aus Faktenermittlung und kombinatorischer Rätselraterei das zunächst Verworrene und Undurchschaubare in plausible Zusammenhänge bringt und durchschaubar macht". Schon wenig später jedoch fließen ihm die feindlichen Brüder ineinander, sieht er, daß ‚auch der Logiker nicht ohne Gewalt auskommt und daß auch der Hartgesottene seinerseits auf die logische Lösung seines Fakten-Puzzles angewiesen ist". Man könne sie durchaus als ein und dieselbe Person ansehen.

Es zeigt sich daran, wie schwierig es ist, das Phänomen Krimi bündig zu rubrizieren, so einfach es auf den ersten Blick auch scheint. Das ist das Merkwürdige: Auf dem Wege von Wallaces Schwarten zu Chandlers Storys ist man ständig verführt, ein System zu entwerfen, die Krimi-Autoren und ihre Detektive zu ordnen, Markierungen zu setzen und nach Bestätigungen dafür zu suchen, daß, wo ein genau abgezirkeltes Genre ist, auch strikte Regeln sein müßten, die man herausoperieren kann. Aber spätestens in dem Augenblick, in dem man die eiste Chandler-Story gelesen hat, gibt man auf: Es funktioniert beim Kriminalroman nicht, was funktionieren würde, wenn er nichts weiter als eine bestimmte Gattung der Trivialliteratur wäre – deren sicherstes Kennzeichen es ist, daß man ihr mit klaren Typisierungen beizukommen vermag. Hat man erst einmal alle Merkmale der Trivialliteratur, die auch auf den Kriminalroman zutreffen, zusammengetragen, bleibt überraschend ein ungeklärter Rest, bleiben vor allem Autoren, die so simpel nicht zu erledigen sind.

Trivial am Kriminalroman ist, daß er auf gewisse Klischees nicht verzichten kann: auf die Leiche, ohne die das Interesse des Lesers alsbald erlahmen würde (wer will schon auf zweihundert Seiten die Jagd auf einen Taschendieb verfolgen?), auf den Grundsatz, daß sich das Verbrechen nicht auszahlt, was nicht moralisch, sondern als ein Formalismus zu verstehen ist, es käme nämlich ohne ihn die Handlung nicht in Gang, etwas geschieht und muß Folgen haben; auf bestimmte Erzähl-Requisiten wie die vorsätzliche Täuschung des Lesers, die der schlechte Krimi-Autor dadurch herbeiführt, daß er seine Karten zinkt, also zum Beispiel, wie Agatha Christie in einem Falle, den Ich-Erzähler zum Mörder macht, oder den Leser immerzu auf Unwichtigkeiten hinlenkt, die keine andere Funktion in der Geschichte haben, als Verwirrung zu stiften, der gute aber, indem er jeder falschen Spur den Anschein beläßt, daß sie zur Lösung führen könnte, und den Detektiv nicht zu einer lächerlichen Figur erniedrigt, die einen Verdächtigen noch für den Mörder hält, wenn der Leser ihn schon längst von der Liste der Verdächtigen gestrichen hat. Trivial am Kriminalroman ist außerdem vielleicht noch, daß er den Leser erregen will, daß er mit Spannungsmomenten jonglieren muß, und am schlechten Krimi, daß er gängige Reize wie exotische Schauplätze, hingegossene Mädchen und überflüssige Schießereien oder, im Falle der englischen Schule, teetrinkende alte Ladies, denen ein schreckliches Gerücht zu Ohren gekommen ist, ausgefallene Mordarten und finsterblickende Butler akkumuliert.

Auf solchen Kram kann der gute Kriminalroman verzichten: Entweder reduziert er, wie es Bingham in seinem "Murder Plan Six (Der sechste Plan) einmal sehr schön vorgemacht hat, die erzählte Geschichte auf ihre formale Mechanik, oder er erzählt eine Geschichte, die nur zufällig der Mechanik einer Kriminalgeschichte zu folgen scheint, wie es Chandler tut.