Bei ihm hat Heißenbüttel wohl entdecken müssen, daß sein Gegensatzpaar zu einer Figur schrumpfen kann: Philip Marlowe gebraucht zwar, wenn es sein muß, seine Fäuste oder seine Smith & Wesson 38er Special mit Vier-Zoll-Lauf, aber er stolpert nicht durch die Geschichten wie die Unzahl der dümmlichen Privatdetektive, die nach seinem Muster entstanden sind, sondern überlegt genau, was er tut – er gebraucht seinen Kopf im Grunde sogar intensiver als Hercule Poirot, von dessen kleinen grauen Gehirnzellen Agatha Christie unentwegt schwärmt und der, durch die platten Konstruktionen der alten Dame verwöhnt und arglos geworden, in Chandlers Los Angeles schon nach zwei Schritten um die Ecke ein toter Mann wäre.

Mit Chandler hatte die Krimi-Literatur einen ihrer Höhepunkte deshalb erreicht, weil er es wie kein anderer verstanden hat, alle Elemente der Gattung flüssig zu kombinieren, die langwierige Lösung des Rätsels mit einer dynamischen Geschichte zu verbinden, die Jagd nach dem Täter zu beschreiben, als stünde mehr auf dem Spiel als bloß das Gelingen des Krimis – worauf es ihm aber trotz allem am meisten ankam.

Ich habe Simenon nicht vergessen: Er hat etwas Ähnliches erreicht, wenn auch auf einem anderen Wege, es ist ihm jedoch nie gelungen, dem Kriminalroman seinen bourgeoisen Zug zu nehmen. Ich habe Ed McBain nicht vergessen, der so glänzend mit dem schwierigen Umstand fertig wird, daß er sich nicht nur einen, sondern gleich ein ganzes Revier voller Polizisten ausgesucht hat: Es gibt keine besseren Krimis, die in New York spielen, als seine, und sie wären noch besser, wenn McBain sich seine gelegentlichen Ausflüge in die höhere Literatur versagen könnte. Ich habe Patricia Highsmith nicht vergessen, von der es ein paar geradezu teuflische Romane gibt, "The Blunderer" (Der Stümper) und "The Two Faces Of January" (Unfall auf Kreta) gehören zu den zwanzig besten Krimis, die ich kenne; und nicht James Hadley Chase, der zwar ein Schnellschreiber ist, aber in seinen späteren Romanen eine Krimi-Variante entwickelt hat, von der anzunehmen ist, daß sie bald Schule machen wird, sie hat es teilweise schon: Seine Helden sind normal gemeine Leute, die meist durch ein Mißgeschick, oft durch puren Geldmangel und manchmal durch jäh ausbrechenden Größenwahn in Situationen geraten, denen sie nicht gewachsen sind, in denen sie zum Verbrechen verführt oder getrieben werden – seine good-bad-guys sind tragische Figuren, die sich die Schlinge, die sie erdrosselt, selber knüpfen, und es geht in seinen Büchern, was man von denen Chandlers nicht sagen kann, dabei so gar nicht metaphysisch zu. Mindestens drei seiner Romane würde ich zu jenen zwanzig rechnen: "Tell It To The Birds (Keine Versicherung gegen Mord), "Just Another Sucker" (Dumme sterben nicht aus) und "You’ve Got It Coming" (Zu hoch hinaus); eine Gangster-Geschichte wie "The World In My Pocket" (An einem Freitag um halb zwölf) erzählt ihm so schnell keiner nach.

Bei allem Vergnügen, das man dabei haben kann, wenn man entdeckt, daß ein Krimi gut konstruiert ist, läuft es letzten Endes doch nur auf eines hinaus: Der bestkonstruierte Krimi wird fade, wenn er nicht zugleich auch ein gutes Buch ist – die Genugtuung, den Täter mit erwischt zu haben, ist der schäbigste Spaß, den ein Krimi zu bieten hat, das gleichbleibende Muster muß mit Literatur gefüllt sein. Und nur weil der Kriminalroman ehrlich genug ist, sein Muster nicht zu verleugnen, und sich nicht den Anschein gibt, als habe er Höheres vor, weil er also nicht mehr verspricht, als er hält, fällt er der Verachtung derer anheim, die noch nie einen gelesen haben.