Von Walter Scherf

So selbstverständlich Kindern die technische Welt ist, so sicher sie mit dem Instrumentarium der uns umgebenden Wirklichkeit umzugehen verstehen: Im Grunde ihres Herzens sind sie doch davon überzeugt, daß es ihnen bei einigem Scharfsinn und einigem Glück gelingen müsse, die Hintertür zu finden aus diesem etwas langweiligen Flachrelief der bekannten Ursacheund-Wirkungsmechanismen. Irgendwo muß der Zauberknopf sitzen, an dem man nur zu drehen braucht, um in eine andere, erheblich interessantere Welt zu schlüpfen, die Tapetentür, hinter der ein anderes Zeitalter beginnt, der Zettel mit dem Zauberwort, das geheimnisvolle Wesen herbeiruft. Man lebt in zwei Welten zugleich und hat damit den Erwachsenen offensichtlich einiges voraus. Vielleicht waren es zuerst die Feen der französischen Kunstmärchen, die den Weg ins Geheimnisvolle und Phantastische öffneten – sicher ist, daß es im vorigen Jahrhundert vor allem die englischen Erzähler verstanden, ihre Leser hinter die Kulissen einer allzu alltäglich gewordenen Welt zu führen und ihnen die Augen zu öffnen für das Doppelbödige, das Sonderbare mitten im Selbstverständlichen. Seitdem haben die phantastischen Erzählungen von der Art Lewis Carrolls und Edith Nesbits die Welt erobert, und was man vor noch nicht allzu langer Zeit als derart englisch ansah, daß es hierzulande niemand zu verlegen wagte, gehört heute selbstverständlich dazu.

Cecil Scott Forester, berühmt durch seinen "Hornblower", hat eine der verrücktesten Geschichten beigesteuert –

C. S. Forester: "Drachen hat nicht jeder"; Verlag Sigbert Mohn, Gütersloh; 174 S., 7,80 DM.

Er begnügt sich keineswegs damit, seinen Helden in die andere Welt spazieren zu lassen, sondern läßt ihn auf der Stelle wieder heimkehren und die Familie mit seinen Eroberungen beglücken: mit einem Drachen nämlich. Was heißt es schon, Phantastisches auf der phantastischen Seite zu erleben, Forester nimmt das Phantastische und bringt es in die Wirklichkeit, zu Dudus grundgescheitem Papa, zu seiner familiensicheren Mama. Und dort wird das Phantastische mit verblüffender Selbstverständlichkeit akzeptiert (und damit auch Dudu und seine sonderbaren Spaziergänge, und damit, und das ist wohl das wichtigste, der kleine Leser selber). Was läßt sich alles an Unfug und Abenteuerlichkeit mit einem ausgewachsenen Drachen anstellen, der bloß ein Glas Brauselimonade zu trinken braucht, um gewaltige Dampfwolken auszustoßen; verschlingt er gar ein Kofferradio, so ist er zirkusreif (nur sind die Batterien am Ende etwas schwach geworden, und Dudu allein vernimmt ganz leise noch aus dem Drachenbauch: "Hier ist der Nordsüdfunk"). Daß dieser Drache eine hübsche Drachin findet, versteht sich eigentlich von selbst – aber niemand verliert die Fassung dabei, und wenn ab und zu die Polizei zum Verhör erscheint, meint die Mama, es sei für den Vater mal wieder Zeit, "etwas zu unternehmen". Und man kann ziemlich sicher sein, daß diesem Papa etwas einfällt.

Eine hübsche Bagatelle dagegen ist Gunvor Håkonssons Erzählung vom Kleinstadtparkwächter –

Gunvor Håkansson: "Spuk im Park"; Oetinger Verlag, Hamburg; 95 S., 7,80 DM