Hamburg

Sie malten dauernd, aber nicht für die Dauer. Vier junge Hamburger Künstler, bisher bekannt unter ihrem Sammelnamen "Cruizin 4", gingen unter die Sportler, um ihre Namen mit Ruhm zu bekränzen. Sie hatten beschlossen, die Qualität ihrer Kunstfertigkeit in quantitativer Beanspruchung zu beweisen.

Die vier mieteten das Hinterzimmer und den Kühlschrank des "Cosinus", einer Hamburger Künstlerkneipe, stellten bettlakengroße Preßpappen auf die Staffeleien und bestellten das Publikum. Selbstgefertigte Plakate kündigten einen Weltrekordversuch im Dauermalen an, selbstgefertigte Graphiken in rahmenwürdigem Format konnten von jenen Besuchern als Eintrittskarten erstanden werden, bei denen die Show das Interesse an der Kunst geweckt hatte.

Am Dienstagabend vor einer Woche um 20 Uhr begann das Spektakel; das Geschäft florierte derweil im Gästeraum, denn die Leistungsprüfung hatte mehr Besucher angezogen, als das Hinterzimmer fassen konnte. Kaum war der Startschuß gefallen, wurde das Publikum von eigener künstlerischer Initiative ergriffen: Die Drängenden drohten die Künstler als reale Selbstbildnisse gegen ihre Pappen zu pressen. Die Maler übten Notwehr. Als ein Betrunkener mit harter Faust in ihre Tätigkeit eingreifen wollte, wurde er plötzlich grün im Gesicht. Die resedafarbene Tempera war verbraucht, ehe der Wettkampf richtig begonnen hatte.

Während die Besucher das Hinterzimmer räumen mußten, malten sich die Künstler ein.

Nicht bei allen Teilnehmern bestimmte überlegte Krafteinteilung den ersten Pinselstrich. Die Herren Prigann und Nöfer begannen lakenfüllend, der vollbärtige Glasmacher dagegen setzte nur einen Tupfer, um den sich im Verlauf des Rekordversuchs Pop-Motive wie Stundenringe legten. Der lustige Dizi plante realistisch: Er karierte den Malgrund mit blauen Linien, grundierte nach Anstreichmanier und begann jedes Feld mit Kleinkunst zu füllen.

Eine lila Mini-Muse in gelben Strümpfen vermochte die Künstler auch zu spätester Stunde nicht von der Leinwand zu locken; selbst der Aufdruck auf ihrer gelben Brosche – "je suis bete" – reizte an diesem Abend keinen. Am nächsten Tag trug sie Trauer am rechten Bein; das linke war weißbestrumpft. Die Brosche hatte sie abgenommen. Sie paßte nicht zu ihrem Pop-Hemdchen, dessen Muster die Aufmerksamkeit der Künstler allerdings weniger auf sie als auf die Arbeit lenkten. Erotische Abschweifungen? Dizi lächelte: "Die sind unter dem Deckweiß."