Kürzlich soll Staatssekretär Carstens ein pessimistisches Fazit unserer Deutschlandpolitik gezogen und der Bundespräsident sich skeptisch hinsichtlich der Zurückgewinnung der Oder/Neiße-Gebiete geäußert haben. Da mußte ich plötzlich an Onkel Fritz denken. Das ist ein streitbarer, rechthaberischer Stammtischpolitiker. Besonders der Bonner Politik stand er immer sehr kritisch gegenüber. Deren Anhänger hielten ihn für ein bißchen verrückt und weltfremd. Etwa damals, als wir mit der Aufrüstung anfingen und in die NATO eingegliedert wurden.

"Betrug!", ereiferte sich da Onkel Fritz. "Wie können die behaupten, das brächte uns der Wiedervereinigung näher? Wo das eine doch das andere so gut wie ausschließt. Warum sollen die Russen eigentlich so hirnverbrannt sein, Westeuropa frontal anzugreifen? Wozu brauchen wir soviel Militär? Das kann mal zu einem schweren Ballast für unsere Politik werden. Angenommen, die NATO zerfällt, und es gibt eine große Entspannung – was dann?" Seine Zuhörer lächelten sich heimlich zu.

Ein andermal kam Onkel Fritz auf die ‚Politik der Stärke‘ zu sprechen:

"Wahnsinn!" schrie da Onkel Fritz erregt, "Wahnsinn! Glaubt denn irgend ein halbwegs normaler Mensch, die Russen lassen sich einfach zurückrollen? Bei denen wäre was mit Kraftmeierei zu erreichen? So kommen wir der Wiedervereinigung nicht näher, so nicht!". Seine Zuhörer schüttelten über Onkel Fritz nur den Kopf. Er verstand eben nichts von Politik

Bald darauf leß Adenauer wieder mal eine sowjetische Note mit der Begründung, "sie enthält nichts Neues", in den Papierkorb werfen. Mein Onkel Fritz war fassungslos: ‚Das werden wir noch mal sehr bereuen. Jetzt sind die vielleicht noch gerade interessiert an einem kleinen Tauschhandel mit uns. Man könnte mal wenigstens mit ihnen reden".

Ich sagte: "In der CDU sagen welche, der Schlüssel zur Wiedervereinigung liege in Washington und nicht in Moskau".

"Ach so", sagte Onkel Fritz, "das habe ich nicht gewußt..."