Von Peter Hemmerich

Nur wenigen Büchern ist es vergönnt, daß sich an ihnen schon vor ihrem Erscheinen die Geister scheiden. Dahin ist es, dank dem Spiegel, gekommen mit –

Amos Elon: "In einem heimgesuchten Land" – Reise eines israelischen Journalisten in beide deutsche Staaten; Kindler Verlag, München; 387 S., 19,80 DM.

Und wem Berechtigung und Notwendigkeit dieses Buches noch zweifelhaft waren, dem verschlägt es die Stimme angesichts der Drohung mit einem "neuen Antisemitismus", zu welcher sich ein von Elon maßvoll kritisierter Hamburger Theologe in seiner Reaktion versteigt.

Denn welche Gefühle den Autor auch bewegen mögen: Haß ist es nicht.

Viele Fragen erheben sich: Wer ist Arnos Elon, der uns nicht näher denn als Korrespondent einer israelischen Zeitung vorgestellt wird? Nach Prägnanz und Nüchternheit des Ausdrucks zu schließen, könnte er ein Sabra sein, ein – bevor noch Israel war – in Israel geborener Israeli: Aber was sollte einen Sabra bewegen, deutsch zu schreiben, und für wen? Für zwei Millionen Israelis – oder auch für die gesamte Judenheit – ein Buch über die Erben von Auschwitz in der Sprache von Auschwitz? Oder ist es für uns geschrieben? Warum aber wendet es sich nicht an uns? So wenig wie sich eine medizinische Abhandlung an die Patienten selber wendet? Oder ist es ein Buch der verdrängten Sehnsucht wie die Geschichte von dem deutschen Palästina-Einwanderer mit dem Hitler-Bild im Gepäck: "Was soll denn einer tun gegen das Heimweh?" Das wieder paßt nicht zum Sabra.

Wie dem auch sei, das Buch liegt vor uns, und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen – und wenn ich Elon recht verstehe, dann sind "wir" eben jene deutsche Generation, "die mit den Geschehnissen des Dritten Reiches nichts zu tun hat", wie ein empörter junger Herr es im Spiegel zu definieren wußte.