Von Heinz Josef Herbort

Das Dilemma ist nicht neu. Bereits für das Jahr 1320 verzeichnen die Musikgeschichten eine ars nova, eine Neue Kunst. Was alles unter diesem Begriff zu verstehen ist, haben die Wissenschaftler noch nicht zusammenfassen können, auch das exakte Erscheinungsdatum der als neu apostrophierten Praktiken ist heute nicht sicher. Sicher aber ist eines: Es war sofort jemand dagegen.

Als gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Italien, und dort vorwiegend in Florenz, aus den Bemühungen um eine Renaissance des antiken Dramas unter anderem die Oper entstand, wurde die junge Gattung in Traktaten beschrieben, und deren Titel lauteten etwa "Della musica antica e moderna". Wann genau diese modernen Ideen geboren wurden, ist nur noch ungenau fixierbar, was alles außer der Oper "modern" war und warum die Vorstellungen sich sehr schnell änderten, ist nicht sicher. Sicher ist wiederum: Es war sofort jemand dagegen.

Auch wer im zwanzigsten Jahrhundert erstmals ungewohnte Klänge als "moderne Musik" bezeichnete und vor allem, wann er es tat, läßt sich heute nicht mehr ausmachen. Man darf aber als sicher annehmen, daß jemand den Begriff fand, der dagegen war.

Zu diesem Dilemma, nämlich weder genau zu wissen, wann es denn nun eigentlich losging mit der Modernität, noch, was alles darunter zu verstehen sei, sondern allenfalls sicher zu sein, daß ein nicht unbedeutender Teil der Zeitgenossen dagegen ist, kommt für den Biographen der modernen Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ein weiteres Handicap: Er kann nicht im entferntesten abschätzen, wieviel er bei seinem Leser voraussetzen darf. Er weiß weder, was der, für den er schreibt, gelesen oder gehört, geschweige denn, was er verstanden hat, noch ob ihm die nun einmal notwendigen termini technici – es muß nicht gleich "Aleatorik" oder "Permeabilität" sein – geläufig sind. Er kennt nicht das Maß der Bereitschaft des Lesers dem Neuen gegenüber und nicht dessen Fähigkeit, für die Dauer der Lektüre einmal zu vergessen, daß Musik eigentlich doch nur "schön" sein soll. Und schließlich muß er über ein Abstraktes schreiben, ein kompliziertes zudem, das man zunächst einmal zu hören hat, das nicht nachzulesen ist wie ein Buch. Wollte er einigermaßen verständlich sein, müßte der Autor die Schallplatten mitliefern.

Resignation wäre da im Grunde die einfachste aller Reaktionen.

Ein Kritiker und Rundfunkredakteur, jemand, der seit langem die Szene der modernen Musik beobachtet, suchte sich mutig einen neuen Weg –