Wie bei uns für die Freiheit geworben wird: mit einem Hauch von Terror

Sicher, es ist kein Vergnügen, in kommunistischen Staaten leben zu müssen. Ich habe es wieder einmal gespürt. Ich war "drüben". Ich war nur zwei Wochen auf Reisen "drüben", und dieses "drüben" war nicht einmal die DDR; es war das vergleichsweise milde Polen, ein beinah ziviler und menschlicher Fall von Sozialismus: es läßt sich darüber reden – in Grenzen. Trotzdem: es gefiel mir nicht.

Ich darf es doch sagen? Es ist gut, den Paß der Bundesrepublik Deutschland in der Tasche zu haben. Es ist angenehm, die verschiedenen Staatsgrenzen des Sozialismus wieder hinter sich zu wissen. Ich freue mich auf den Westen; man nennt das die Freiheit. Es ist wie eine Erholung, auf der Autobahn die ersten westlichen Tankstellen zu sehen: Weiß-blau und strahlend liegen sie da und werben um mich. Im Osten gibt es so klägliche Zapfstellen. In Polen mußte man sie auf der Landkarte mit der Lupe suchen, von Service keine Spur. Das Benzin riecht nach Minol, süßlich und weich, Sowjetbenzin.

Ich freue mich auf unsere moderne, praktische Welt, wo alles blinkt und von selbst funktioniert, flink und vernünftig: ein neues Deutschland, ein bißchen amerikanisch durchlüftet. Man weiß das zu schätzen, wenn man eine Weile hinter der Oder war, wo alles so mühselig, so unsagbar bürokratisch vonstatten geht.

Es ist doch kein Kalter Krieg, wenn ich sage, daß über all diesen sozialistischen Ländern noch immer ein Hauch von bleierner Schwere liegt? Der Plan: ein schwerer Gott, der müde macht. Von Frankfurt an der Oder kommend, übernachtete ich in Westberlin. Der Umschlag der Welten ist enorm. Schon von Fürstenwalde an leuchtet nachts der Himmel über der DDR, von Königswusterhausen an brennt es dort, wo Westberlin liegt. "Das Glitzerding" hat Gombrowicz diese Lichtinsel genannt. Es ist schön und erleichternd, zum erstenmal wieder über den Kurfürstendamm zu fahren. Kempinski-Gefühle. Gott sei Dank, dachte ich, du bist also endlich wieder in der freien Welt.’

Warum dauern solche hochgemuten Vorsätze nur so kurz? Ich wäre so dankbar, wie das unsere Mächtigen fordern, die Freiheit herzlich begrüßen zu können. Warum kommt man in unserem Lande damit aber nicht weiter als höchstens drei Tage?

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