Ich bin also wieder zu Hause in Frankfurt, ich sitze so mitten drin in der Freiheit und könnte sie genießen und kann es nicht mehr. In Frankfurt war Wahlkampf. Da hatte auch die KPD ihre Plakate geklebt. Dagegen ist nichts zu sagen, sagen sie, wir haben doch Demokratie, sagen sie, aber wie sie das mit der Demokratie machen, das verstört mich sofort. Man muß sich erst daran gewöhnen, wenn man aus Polen kommt. Ein hochgestelltes, rechteckiges Plakat, knallrot, mit einer kreisrunden weißen Scheibe darin. Auf dem roten Grund steht der Satz: Wir setzen uns durch. Das glaube ich, es wird immer wahrer, und es klingt fast wie eine Drohung. In Deutschland setzt sich das Schlimme immer durch.

Das Plakat muß von erfahrenen Werbepsychologen entworfen sein, denn jetzt spüre ich es an meiner eigenen Reaktion: das kennst du doch? Das gab es doch einmal? Natürlich, erinnere ich mich, so sah doch einmal die Hakenkreuzfahne aus? Wer vergißt das schon so schnell? Nur das Hakenkreuz fehlt in der weißen Scheibe, aber an einer anderen Plakatwand fehlt es schon nicht mehr. Da haben es irgendwelche "Schmierfinken", wie man sagt, offenbar des Nachts mit schwarzer Kreide hineingestrichelt. Natürlich ist das infam, aber das ganze Plakat wirkt wie eine Einladung dazu: unterschwellige Werbung. Die weiße Scheibe lädt ein.

Liegt es nicht doch daran, daß man "aus dem Osten" kommt, also kommunistisch infiziert ist? Wer weiß, vielleicht? Man ist so empfänglich im Untergrund; man wird leicht angesteckt – wie bei einer Grippe. Ich betrete mein Zeitungsgeschäft auf der Frankfurter Zeil; man meint ja immer, etwas versäumt zu haben, wenn man ein paar Wochen nicht hier war.

Was sehe ich? Das deutsche Wirtschaftsmagazin Capital hat seine neueste Nummer herausgebracht. Das Deckblatt zeigt einen roten, etwas schiefsitzenden Davidstern mit hebräischen Lettern. Ich sah das früher immer als Junge auf Streichers Blatt und fand dieses Hebräisch einfach schmutzig. Das ist lange her. Auf dem Deckblatt von Capital der Text: 1966 Juden + Wirtschaft = ??? "Das Heft geht weg wie warme Semmeln", sagt mir die Verkäuferin, "schon heute vormittag 30 Stück; wir müssen nachbestellen." Die Leute, gucken mit schiefem, erstauntem Gesicht. Endlich mal was über die Juden?

Ich lasse mir den vergangenen Spiegel geben, den ich in Polen versäumte, man meint doch immer, etwas versäumt zu haben. Was steht auf dem Coverblatt? Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS. Das Deckblatt sieht ziemlich drohend aus, es glänzt das gewisse Schwarz. Wir kennen das. Ein älterer Herr kommt in den Laden und fragt in der kleinen Leihbücherei nach Peyrefittes neuestem Enthüllungsbuch Die Juden. Das Buch sei ausgeliehen, wird ihm beschieden, er möge später wieder nachfragen.

Beim Verlassen des Geschäftes fällt mein Blick auf die National- und Soldatenzeitung. In diesem Laden ist sie unübersehbar placiert. Direkt neben Capital und seinem Davidstern prangt da die Schlagzeile "Juden zersetzen Deutschland". Das ist Nummer 43 im 15. Jahrging.

Nein, das Ganze ist nicht von mir nachträglich arrangiert. Solche Arrangements sind nicht mehr nötig. Hier wird nicht "Unvergleichbares" über einen Kamm geschoren. So bietet es sich deutschen Kunden zum Kauf an, so fand ich es an meinem ersten Vormittag in Frankfurt am Main auf den Ladentischen der Freiheit. Mir wurde etwas übel in solcher Freiheit. Ich dachte: was ist nur geschehen in unserem Land? Bricht hier ein neuer Antisemitismus, ein neuer Faschismus aus? Gerade das hast du doch noch vor einer Woche in Polen bestritten. Was ist denn geschehen?