Um das zu beurteilen, muß man alles kaufen – leider; muß alles lesen, widerwillig, muß alles beurteilen, kritisch. Ich ging also mit einem ganzen Arm von Blättern nach Hause, die mich beschwerten, wie Vergangenheit nun einmal beschwert. Ich las, ich studierte, ich prüfte. Das Urteil ist ziemlich verblüffend, so vieldeutig und verwirrend, wie Deckblätter der Freiheit nun einmal sind. Sie locken mit etwas, was sie nicht erfüllen. Das ist genauso wie mit den fast nackten Mädchen auf unseren bunten Illustrierten – nur eben politisch.

Ich prüfte also: Die fette Schlagzeile auf der National- und Soldatenzeitung "Juden zersetzen Deutschland" erweist sich beim Studium als reines Windei. Die Zeile ist nämlich in Anführungsstriche gesetzt, was man auf den ersten Blick nicht sieht. Die Zeile ist also ein Zitat, und darunter steht: "Führender Sozialdemokrat als Rassenhetzer entlarvt." Ah, so, ich verstehe: Die Herren der äußeren Rechten ’bewältigen hier die Vergangenheit der Linken und beschäftigen sich mit einem SPD-Mann aus Hessens Regierung. Darunter wieder eine Überschrift, wieder in Anführungsstrichen, die man so leicht übersieht, also wieder nur ein Zitat: "Durch Geld und Presse beherrschen die Juden die Deutschen." Sie geben also keine eigene Meinung wider, sie zitieren nur, was früher einmal ein anderer geschrieben haben soll. Also kein Fall, von antisemitischer Äußerung. Im Gegenteil: Sie sorgen sich um die saubere Demokratie. Noch mehr befriedigt mich der Inhalt von Capital. Die voreiligen Käufer aus meinem Laden werden bitter enttäuscht sein wie manche voreiligen Käufer von Pornographie. Es täuscht. Draußen vieldeutige Lockung, drinnen wird Anstand und Ordnung verkauft. Der Artikel besagt genau das Entgegengesetzte von dem, was der Davidstern mit den hebräischen Lettern die Käufer vermuten ließ. Er besagt: Die Juden in Deutschlands Wirtschaft sind arm und alt und selten. 25 Prozent Rentner, 40 Prozent mitversorgte Familienmitglieder, nur 35 Prozent erwerbsfähig. Der Artikel ist gut recherchiert und sachlich geschrieben, aber auch innen ist er hübsch provokant umbrochen und betitelt: "Ein Jude namens Brauner" – "Ein Jude namens Eden", ei, ei, wenn das nicht zieht? Doch dann kommt es ganz sauber. Es gibt nichts zu beanstanden.

Und natürlich betrifft das auch die Spiegel-Serie über die SS. Von neonazistischer Aufwertung der SS können nur oberflächliche Leser reden. Wie alles im Spiegel ist auch dieser Bericht sehr gründlich gearbeitet und dokumentiert. Man darf annehmen: so wird es gewesen sein. Ich glaube es. Trotzdem stört mich manches. Der etwas hochmütige und hämische Ton etwa, mit dem sie Eugen Kogon verschiedene Irrtümer und Selbstkorrekturen in verschiedenen Ausgaben seines Buchs "Der SS-Staat" nachweisen. Der Ton ist schlecht. Es stört mich bei einem Leserbrief des Berliner Zeitgeschichtlers Joseph Wulf die darunter gesetzte Personalnotiz der Spiegel-Redaktion: "jüdischer Publizist". Wassoll das? Werden die Publizisten in Deutschland jetzt wieder in Juden und Nichtjuden eingeteilt: Willy Haas, jüdischer Publizist, Rudolf Augstein, nichtjüdischer Publizist; beide wohnhaft in Hamburg?

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Trotzdem: Mein erster Tag der Freiheit in Frankfurt, mein Alptraum, mein leiser Brechreiz erweist sich bei kritischer Prüfung als hysterische Reaktion meiner selbst. Sei ehrlich: du phantasierst. Du bist schon fast so wie die alten Emigranten, die nach Deutschland kommen. Du siehst Gespenster. Sei ehrlich, gib es doch zu: da ist gar nichts, wenn man nachgreift. Du bist nervös. Es scheint. nur so für flüchtige Passanten, – aber wenn man es "objektiv" und "nüchtern" und "gerecht" beurteilt – da ist nichts. Das ist wie ein Feuerwerk von Faschismus, da gehen Raketen hoch in die Nacht mit alten Sprengsätzen, das leuchtet und lockt für Sekunden. Dann ist es verschwunden wie Spuk der Vergangenheit. Alles fauler Zauber, auf den nur du hereinfällst, weil du aus Polen kommst. Beim Studium der Dinge erweist sich alles als gut demokratisch und hochliberal. Kein Staatsanwalt dürfte eingreifen. Im Gegenteil, man müßte es eigentlich fördern, denn hier wird Aufklärung geleistet. Es liegt an dir. Du bist nervös.

Das Ganze ist doch ein Marktphänomen, erklären mir die Soziologen, mit Ausnahme der NDP und der Soldatenzeitung. Da steckt Ideologie und politischer Wille dahinter. Aber alles andere? Verkaufsprobleme, Werbemechanik, Kiosk-Probleme. Mein Gott, das müssen Sie doch verstehen: Nazizeit verkauft sich nun einmal, nach allem, was war. Das ist doch verständlich. Sie müssen den Marktmechanismus durchschauen.

Er ist so: Die Wirtschaft muß verkaufen im Kapitalismus, das ist klar, davon lebt sie. Man will Demokratie verkaufen, das ist genauso klar, alle wollen Demokratie – na, wer denn nicht? Aber man kann Demokratie besser verkaufen, wenn man als Anreiz mit Nazigesinnung lockt. Die alten Sprengsätze, die neuen Köpfe, das zieht. Vorn ein Hauch von Adolf Hitler, drinnen beste Demokratie. Man nennt das die freie Wirtschaft. Ein Mechanismus, nicht mehr.

Ich muß nun wohl doch schon zu lange in Polen gewesen sein. Mich machen diese Mechanismen der deutschen Seele ganz krank. Mir sind die Freuden der Freiheit verdorben; da ist kein Kempinski-Gefühl mehr. Das gibt es wohl nur bei uns: daß man für die Freiheit werben muß – mit einem Hauch von Terror.