Kurt Georg Kiesinger: Ein Schwabe, der auszog, in Bonn das Fürchten zu lernen

Von Rolf Zundel

Bonn, im November

Mit der lächelnden Gelassenheit, die den Sieger trefflich kleidet, nahm Kurt Georg Kiesinger das Wahlergebnis hin. Als er den Fraktionssaal der CDU/CSU verließ, wo ihn die Abgeordneten der Union zu ihrem Kanzlerkandidaten gekürt hatten, fand er sogleich ein versöhnliches Wort für seine geschlagenen Konkurrenten: "Wenn ich heute der unterlegene Kandidat gewesen wäre, dann hätte ich mir innerlich gesagt, wie froh ich sein müßte, daß diese Bürde von meinen Schultern genommen ist."

Der Ministerpräsident aus Stuttgart ist nicht als Triumphator nach Bonn zurückgekehrt. Er wurde als Nothelfer gerufen, und er kam zum Zuge, weil sich Barzel und Schröder gegenseitig blockierten und Franz Josef Strauß eine eigene Kandidatur noch nicht wagen konnte. Viele Jahre lang hatte Kiesinger vergeblich auf einen Ruf nach Bonn gewartet. Ein paarmal war er als Außenminister ins Gespräch gekommen und war wieder vergessen worden. Je deutlicher es aber in den letzten Wochen wurde, wie sehr die CDU/CSU sich festgefahren hatte, desto leuchtkräftiger wurde sein Bild: Ein unverbrauchter Politiker, der nicht in den Bonner Querelen Schaden gelitten hat, der sich nicht, wie Barzel, Schröder oder Gerstenmaier, mit unversöhnlichen Gegnern herumschlagen muß; ein geachteter Landesvater, ein Mann gemäßigter Fortschrittlichkeit und gediegener Bildung, ein guter Katholik, aber mit liberalem Öl gesalbt, so daß ihn auch die Protestanten für einen der ihren halten können – ein Wahlkämpfer von hohen Graden.

Seine Aufgabe ist freilich schwierig. Franz Josef Strauß und die CSU haben ihre Hilfe nicht umsonst gegeben; mit Außenminister Schröder, der bei allen drei Wahlgängen einen soliden Stimmenblock hinter sich hatte, muß jeder künftige CDU-Kanzler rechnen; und schließlich wird auch Barzel sein Spiel kaum endgültig verloren geben. Überdies droht eine Koalition zwischen FDP und SPD; zu angenehmen Bedingungen wird keine der anderen Parteien für ein Bündnis mit der Union zu gewinnen sein. Ausgeschlossen ist es nicht, daß Kiesinger ein zweitesmal ohne Regierungsamt aus Bonn zurückkehrt.

Das erstemal hatte Kiesinger im November 1958, nach manchen Enttäuschungen, Bonn den Rücken gekehrt. Nicht, daß er in der Bundeshauptstadt erfolglos gewesen wäre. Jedesmal, wenn es galt, die Außenpolitik der Regierung zu verteidigen, und besonders dann, wenn es schwierig wurde, stand Kiesinger im Parlament seinen Mann. Souverän, nie am Manuskript klebend, hart in der Sache, aber konziliant in der Form, verfocht er den Kurs Adenauers. Damals galt er als der Star der CDU, er wurde bewundert und beneidet. "Sie streichen sich übers Haar, gehen aufs Pult und halten eine schöne Rede", murrte einer seiner rhetorisch weniger begabten Kollegen. Der Kanzler schickte ihm lange Dankesbriefe, aber die großen Ämter blieben ihm verschlossen.