Sie sind das Salz der Union, Sie müssen die Union erneuern." Ministerpräsident Meyers, der seinem "Freund Strauß" zuliebe aus Düsseldorf in den bayerischen Wahlkampf gezogen war, rief es den Teilnehmern am Würzburger Deutschlandtag der Jungen Union beschwörend zu. Gelinde Verzweiflung schwang in seinen Grußworten mit, doch sie ging im Beifall unter. In den Hutten-Sälen der mainfränkischen Bischofsstadt herrschte ganz der Geist, der für die nächste Veranstaltung plakatiert war: "‚Der Stolz der Kompanie‘, mit Willy Millowitsch."

Daß sie sich als "Stolz der Partei" fühlte – daran hatte eine Delegiertentruppe von Anfang an keine Zweifel aufkommen lassen: die Bayern, mit 33 Delegierten der stärkste Landesverband der Jungen Union. Ein junger Delegierter sprach es aus: "Nun muß Bayern Deutschland retten." Ministerpräsident Goppel sagte es in der Großkundgebung ganz ähnlich: "Es geht um keine Gaudi, es geht um sehr ernste Dinge in Bayern und in Deutschland." In der Halle, wo sonst Vieh versteigert wird, erstarben seine Worte im aufbrausenden Gebrüll: Franz Josef Strauß war eingetroffen, kämpfte sich den Weg nach vorn frei und sprach schwer atmend ins Mikrophon: "Wir werden für die Veränderung der Politik sorgen. Wir haben es in dieser Woche getan."

Weitab vom frenetischen Jubel um den CSU-Matador, in freigewählter Isolierung, saßen derweil die Delegierten des Hamburger Landesverbandes mit ihrem Bundestagsabgeordneten und Mentor Dietrich Rollmann bei Puter und Frankenwein. Auch sie berieten die Lage und befanden sie für ernst. Von der Bewegung aus München trennte sie nicht nur die Main-Linie, sondern auch politische Ansichten, die sie in der Delegierten-Versammlung am Morgen fast schon in den Verdacht der Kommunistenfreundlichkeit gebracht hatten. Sie hatten den Antrag gestellt, die Union möge offiziell Osteuropa-Kontakte zulassen. Der Landesverband Schleswig-Holstein war noch weiter gegangen und hatte Kontakte zur Freien Deutschen Jugend in der DDR verlangt.

Schon vorher waren diese Anträge erregt im Bundesausschuß debattiert und mit 26 gegen neun Stimmen abgelehnt worden. Die Hamburger mußten sich sogar die Unterstellung gefallen lassen, sie spekulierten nur auf die Fleischtöpfe jener sozialistischen Staaten, die Kontakte und Reisen von Westen nach Osten finanziell unterstützen. Stellvertretend für die Mehrheit konterte im Plenum ein Westfale: "Jede Aufweichung muß ernsthaft aufgehalten werden." Befürwortet werden lediglich private, menschliche Kontakte, bei denen es der Findigkeit der jungen Christdemokraten überlassen bleibt, nicht an kommunistische Staats-Jugend-Organisationen zu geraten – zum Beispiel in den Ferien am Schwarzen Meer. Die Positionen der offiziellen Deutschland-Politik nicht aufzugeben und dennoch ein bißchen modern sein zu wollen – das ist das Dilemma der Jungen Union.

Der Bundesvorsitzende Egon Klepsch warnte, der "Erosionsprozeß" im Osten gehe nur langsam vor sich, noch sei Geduld vonnöten. "Voraussetzung zur Lösung der deutschen Frage", dozierte er, "ist die Veränderung der gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Ost und Ost-Mitteleuropa und nicht ein wie immer geartetes Arrangement mit den kommunistischen Regierungen."

"Will der denn warten, bis der Zar wieder im Kreml sitzt?" fragte einer der Liberalen in der Jungen Union. Immerhin können sie sich damit trösten, daß es ihnen gelungen ist, neue Freunde für ihre Ideen zu gewinnen. Vor zwei Jahren noch hatten die Hamburger den Antrag, Osteuropa-Kontakte herzustellen, zum erstenmal im Alleingang gestellt und waren durchgefallen. Dieses Jahr wurden sie von den Schleswig-Holsteinern, die bisher der "reinen Lehre" angehangen hatten, sogar schon überholt. Gleichgesinnt sind die Landesverbände in Bremen, Hannover, Braunschweig und Oldenburg. Und freudig überrascht wurden die Norddeutschen diesmal von den Berlinern, die sie in gewissen Grenzen unterstützten. Auch in Rheinland-Pfalz vermuten sie ein paar Freunde.

Bayern wird ihnen bestimmt nicht zustimmen: Im außenpolitischen Arbeitskreis der Jungen Union sitzt Graf Stauffenberg, der zusammen mit seinem Schwiegervater, Baron von Guttenberg, in der Jungen Union eine Hauspolitik getrieben hat, die auf diesem Deutschlandtag sichtbar Früchte trug. Als Diskussions-Redner für den außenpolitischen Arbeitskreis waren neben Guttenberg Alfons Dalma vom "Bayern-Kurier", Gerhard Reddemann, Chef einer CDU-Parteizeitung, nur noch Ernst Majonica aufgeboten worden. Am späten Abend, wiederum im Weinkeller des Heiliggeist-Spitals, faßte die Mitarbeiterin des "Bayern-Kurier" am Tisch der Hamburger das Ergebnis dieser Diskussion kurz zusammen: "Jo, der Trend ging doch sehr zugunsten unseres Herrn Barons..." – "Verehrte gnädige Frau" widersprach Dietrich Rollmann, "ich könnte Ihnen auch eine Gesprächsrunde aufstellen mit einem Trend zugunsten von Herrn Schröder." – "Jo", staunte sie liebenswürdig, "gibt’s dös a? Das ist doch wohl überholt..."