Von Siegfried Schmidt-Joos

Vier Tage lang wurde in den Foyers der Berliner Philharmonie, der Urania und des Sportpalastes vorwiegend Englisch gesprochen. Dreihundert Jazzfans aus England waren mit vier Chartermaschinen an die Spree geflogen, um rund hundert Musiker aus Brasilien, den USA und mehreren europäischen Ländern in einem der erfreulichsten und abwechslungsreichsten Festivals spielen zu hören. Die Berliner Jazztage 1966 waren, an den Maßstäben der berühmten Festivals von Newport, Monterey oder Antibes gemessen, ein Superlativ an Organisation.

Jazz und ...“ hätte man das Festival überschreiben können. Die Begegnung des Jazz mit musikalischen Nachbarbereichen stand auf dem Programm. „Jazz und Barockmusik“ (dem Thema Barock der diesjährigen Berliner Festwochen entsprechend) und „Jazz und neue Musik“ eröffneten die beiden Konzerte in der Philharmonie. Es ist gut, daß es damit mit dem Abendland sein Bewenden hatte.

Der Schweizer Cembalospieler George Gruntz präsentierte die Vier-Flöten-Gruppe seiner Platte „Jazz goes Baroque“‚ kam aber nicht über die Hürden des uneingespielten Ensembles und der ungewohnten Akustik hinweg. In Boris Blachers „Improvisation über Plus Minus Eins“ musizierten ein Streichquartett und die Jazzbläser Carmell Jones (Trompete), Leo Wright (Altsaxophon) nebeneinander her, ohne daß sich der erstrebte Konsens zwischen Blachers variablen Metren und dem Swing einstellen wollte. Im Jazz kommt der Rhythmusgruppe eine funktionelle Rolle zu, hier wirkte sie höchst unfunktionell; die Schlagzeug-Einwürfe des spürbar gehemmten Joe Nay verkamen zum bloßen Effekt.

Sehr viel erfreulicher ließen sich die Begegnungen mit der Folklore, der populären Musik und dem Tanz an. Die Tourneetruppe „Bossa Nova do Brasil“ aus Rio de Janeiro, die nach dem Berliner Festival siebenundzwanzig weitere Konzerte in Europa absolviert, demonstrierte verschiedene Aspekte der modernen brasilianischen Volksmusik, die wie der Jazz aus einer Begegnung europäischen und afrikanischen Musikgutes entstand und in den letzten Jahren unter dem direkten Einfluß des Cool Jazz die Bossa Nova hervorbrachte. Auf einem abenteuerlich reichhaltigen Arsenal in Europa unbekannter Schlaginstrumente entfesselten die Brasilianer eine Samba- und Macumba-Orgie, überzeugten aber auch in den leisen Tönen der meisterhaften Gitarristin Rosinha de Valenca, in den nachdenklichen Protestsongs von Edu Lobo („Er spielt und singt, was nach der Bossa Nova kommt“) und in den Jazz-Variationen von J. T. Mirelles (Flöte) und Salvador da Silva (Piano).

Der Tenorsaxophonist Stan Getz und die brasilianische Sängerin Astrud Gilberto („The Girl from Ipanema“) haben in Nordamerika mit Bossa Nova das große Pop-Musikgeschäft gemacht. Ihr Auftritt in der Philharmonie bewies noch einmal, daß Musikalität und Massenerfolg sich nicht gegenseitig auszuschließen brauchen.

Demgegenüber fiel der Auftritt der zweiten Erfolgscombo des Cool Jazz, des Dave Brubeck Quartetts, ab. Brubeck und sein langjähriger Altsaxophonist Paul Desmond ergingen sich in musikalischem Leerlauf.