Von Kurt Pinthus

Dr. Salomo Friedlaender schrieb am 31. August 1922 an seinen Verleger Kurt Wolff: "Ich behaupte kühnlich, daß ich zur Zeit der einzige bin, den eine gewisse Synthese aus Kant und Clown (Chaplin) darstellt." Damit traf er haarscharf das tragikomische Problem seines langen Lebens und seines umfangreichen Lebenswerks.

Im Posenschen 1871 als Sohn eines Arztes geboren, trieb sich der introvertierte junge Mensch auf mancherlei Schulen, in mancherlei Beschäftigungen und Studien umher, bis er endgültig beschloß, Philosoph zu werden, und sich um die Jahrhundertwende in Berlin niederließ. Dort lebte er jahrzehntelang, tagsüber asketisch und völlig abgeschlossen von der Außenwelt, als fanatischer Anhänger Kants und dessen einzigem fruchtbaren Nachfolger Ernst Marcus", Bücher über Philosophen und über seine eigene Philosophie sowie zugleich groteske und phantastische Kurzgeschichten schwarzen Humors verfassend, während er die Nächte als libertinistischer Genießer durchwüstete. Jedoch, so betont er, "hielt ich streng auf achtstündigen Schlaf".

Als Hitler kam, ging er 1933 nach Paris ins Exil, wo er bis zu seinem Tode 1946 weiterarbeitete, immer noch als Philosoph und Clown zugleich, einen gewaltigen ungedruckten Nachlaß der Welt, die er ignorierte, vererbend, in dem sich sein, so bezeichnete er es selbst, wichtigstes Buch befindet, "Das magische Ich", und eine Autobiographie, betitelt "Ich", die er mit fünfundsechzig Jahren schrieb – und ohne die wir nicht wüßten, was hier über sein Doppelleben und Doppelwerk nur angedeutet werden kann.

Zwar findet sich unter seinen Grotesken ein "Anti-Freud", aber die Autobiographie "Ich" ist die gewissenhafteste, subtilste, exhibitionistischste Psychoanalyse eines Introvertierten. Sie ist im Auszug zum erstenmal abgedruckt in

Mynona (Salomo Friedlaender): "Rosa die schöne Schutzmannsfrau und andere Grotesken", herausgegeben von Ellen Otten; Verlag der Arche, Zürich; 26 S., 15,80 DM.

In der Autobiographie gibt er auch sein Geheimnis preis: "Mein Thema ist die Innenwelt, mein Ich, verglichen womit mir alles menschliche Außen, meines inbegriffen, grotesk erscheint." Und hiermit erklärt sich, wenn er für die gesamte Außenwelt das Wort "grotesk" hinwirft, weshalb dieser leidenschaftlich suchende Philosoph, der erst spät, im Exil, seine endgültige Philosophie der "kritischen Polarität" fand, lebenslang viele Dutzende von Grotesken dichtete und herausgab, in denen er ebenso leidenschaftlich mit den Erscheinungen und Kreaturen jener mißachteten Außenwelt sein wildes, verwirrendes und dennoch witzige Weisheiten enthüllendes Spiel treibt.